Medical Tribune
14. Juni 2026Wenn Covid-19 zur Herzensangelegenheit wird

Long Covid: Erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen

Long Covid könnte nicht nur die Lebensqualität beeinträchtigen, sondern auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen langfristig erhöhen. Eine grosse schwedische Registerstudie zeigt, dass selbst nach milden oder moderaten Covid-19-Verläufen kardiovaskuläre Ereignisse häufiger auftreten – besonders bei Frauen.

Erschöpfte Frau sitzt auf einer Stiege.
simona/stock.adobe.com

Etliche gross angelegte Kohortenstudien haben bereits ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse nach schweren akuten Covid-19-Infektionen festgestellt. Die Evidenz zum langfristigen kardiovaskulären Risiko speziell bei Menschen mit klinisch diagnostiziertem Long Covid, die meist nur moderate Infektionen durchgemacht hatten, ist hingegen begrenzt. Auch über geschlechtsspezifische Risikomuster ist bislang wenig bekannt.

Schwedische Wissenschaftler haben nun den Zusammenhang zwischen Long Covid und dem inzidenten Auftreten kardiovaskulärer Erkrankungen bei nicht hospitalisierten Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren untersucht. Als Grundlage diente ein umfassendes Gesundheitsregister aus Stockholm, das die Versorgung von rund 2,5 Mio. Menschen abbildet.

Kardiovaskuläres Risiko bei Frauen deutlich höher

Insgesamt analysierten die Forscher über 1,2 Mio. Personen, darunter etwa 9000 mit Long Covid laut ICD-10-Diagnose. Diese Gruppe war im Durchschnitt etwas älter und wies häufiger kardiometabolische sowie psychische Vor­erkrankungen auf. Untersucht wurde das Risiko für neu auftretende kardiovaskuläre Ereignisse, darunter Herzinfarkt, Herz­insuffizienz, Herzrhythmusstörungen, Schlaganfall und periphere arterielle Erkrankungen.

Die Ergebnisse zeigen eine deutlich erhöhte Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse bei Personen mit Long Covid. Bei Frauen lag die kumulative Inzidenz bei etwa 18 %, bei Männern bei rund 21 %, und damit jeweils deutlich über den Vergleichswerten der Kontrollgruppe (8,4 % und 11,1 %).

Auch nach statistischer Anpassung für demografische Faktoren, Lebensstil, Vorerkrankungen und psychische Belastungen blieb ein signifikanter Zusammenhang bestehen. Long Covid zeigte bei Frauen eine stärkere Assosziation mit dem Risiko für ein kombiniertes kardiovaskuläres Ereignis als bei Männern (HR 2,06 vs. HR 1,33). Auch bei Arrhythmien war der Zusammenhang bei Frauen ausgeprägter (HR 3,11 vs. HR 1,61). Das Risiko für koronare Herzkrankheit stieg bei beiden Geschlechtern vergleichbar an (HR 1,25 bzw. HR 1,26) Für Schlaganfälle liess sich weder bei Männern noch bei Frauen ein klarer Zusammenhang nachweisen.

Auch jüngere Erwachsene könnten betroffen sein

Die Befunde deuten darauf hin, dass Long Covid auch nach milden oder moderaten Infektionen mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen verbunden ist. Als mögliche zugrunde liegende Mechanismen werden unter anderem anhaltende Entzündungsprozesse, endotheliale Dysfunktion, immunvermittelte Schädigungen sowie Störungen des autonomen Nervensystems diskutiert.

Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass eine intensivere medizinische Betreuung von Patienten mit Long Covid und die grössere Bereitschaft von Frauen, ärztliche Hilfe für ihre Beschwerden zu suchen, die Ergebnisse beeinflusst haben könnten. Nichtsdestotrotz sprechen die Ergebnisse für die stärkere Berücksichtigung von Long Covid als wichtigen Faktor in der kardiovaskulären Risikobewertung – selbst bei jüngeren, zuvor gesunden Erwachsenen – und für strukturierte, geschlechtsspezifische Nachsorge- und Präventionsstrategien.