Medical Tribune
2. Juni 2026Vom Feed zur Selbstdiagnose

ADHS und Autismus in sozialen Medien

Immer mehr junge Menschen glauben, an ADHS oder Autismus zu leiden – inspiriert durch Social Media und andere digitale Quellen. Die vermeintliche Diagnose verspricht Zugehörigkeit und Entlastung, doch im Praxisalltag erschwert sie die Kommunikation.

Angst, Schlaflosigkeit, Abhängigkeit. Eine Frau schaut nachts in ihr Smartphone.
Andrii Lysenko/stock.adobe.com

Social Media, Online-Tests, TV- oder Streaming-Serien sowie Erfahrungsberichte von Gleichaltrigen prägen das Selbstbild in Bezug auf psychiatrische Erkrankungen.

Insbesondere bei jungen Erwachsenen führt das vermehrt zu Selbstdia­gnosen und dem Wunsch nach einer Bestätigung durch Fachpersonal. Forscher um ­Matthias ­Neumann von der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems haben analysiert, wie dieser Trend den Praxisalltag verändert.

Oft handelt es sich um junge Frauen mit höherer Bildung

Die Arbeitsgruppe hatte 93 praktizierende Psychologen in Österreich befragt. Diese berichteten mehrheitlich, dass die Zahl junger Menschen mit ganz konkreten Erwartungen an die Diagnose in den letzten Jahren spürbar zugenommen habe. Oft handle es sich um junge Frauen mit höherer Bildung und intensiver Nutzung von Internet und Social Media. Die Favoriten bei den Selbst- und Wunschdiagnosen: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus-Spektrum-Störungen (ASS).

Ein solches diagnostisches Etikett kann durchaus entlastend wirken, so das Autorenteam. Es schafft Betroffenen Legitimität und bietet ihnen eine Erklärung, warum sie Probleme haben, ihren Alltag zu bewältigen. Neben der Entbindung von Schuldgefühlen und Verantwortung dem eigenen Verhalten gegenüber kann auch der Wunsch nach sozialer Anerkennung und Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen stehen.

Begriffe wie «neurodivergent» prägen das Reframing

Onlineplattformen wie TikTok, Instagram und Tumblr spielen bei dieser Entwicklung eine wesentliche Rolle. Sie «sind zu zentralen Arenen für die Verbreitung von Selbstdiagnose­inhalten und Narrativen psychischer Gesundheit geworden», so das Forscherteam. Zugleich haben sie zur Entstigmatisierung von ADHS und ASS beigetragen. Dieses kulturelle Reframing, das von Begriffen wie «neurodivergent» oder «Superkräfte» geprägt ist, stellt neuro­entwicklungsbedingte Dia­gnosen als positiv konnotierte Identitätsmarker dar.

Rund die Hälfte der befragten Psychologen wurde bereits mit ausgefüllten Selbstdiagnosefragebögen konfrontiert. 42 % gaben an, dass ihre Klienten den Wunsch nach einer konkreten Diagnose offen angesprochen hatten. Doch selektives Halbwissen aus Onlinerecherchen, selbstbestätigende Antworten im Anamnesegespräch und fehlende Bereitschaft für ein ergebnisoffenes Vorgehen verkomplizieren und verlängern die Diagnosefindung.

Zugleich werden Feedbackgespräche fordernder und zeitintensiver. Wird die Wunschdiagnose nicht gestellt, reagieren die Betroffenen häufig mit Ablehnung, Trauer, Wut oder Enttäuschung. Viele wechseln dann die Praxis, und das so oft, bis jemand die gewünschte Erkrankung feststellt. Viele räumen dieses Diagnose-Shopping sogar offen ein.

In solchen Situationen gilt es, die Balance zwischen Empathie und fachlicher Autorität zu halten und anzuerkennen, dass die Selbstdiagnose für manche Menschen zum Teil der Identität geworden ist.