Kolostrum als Allergie-Schutz
Weltweit erhält etwa jedes dritte Neugeborene in den ersten Lebenstagen zusätzlich Formula-Nahrung – oftmals ohne zwingende medizinische Indikation. Jedoch hat diese Supplementierung möglicherweise Einfluss auf die Entwicklung von Erdnuss- und multiplen Nahrungsmittelallergien.

Nahrungsmittelallergien betreffen ca. 10 % aller Kinder. Sie stellen eine erhebliche Belastung für betroffene Familien dar, da sie lebenslang bestehen und potenziell lebensbedrohlich sein können.
Ursächlich ist eine fehlgeleitete, Th-2-vermittelte Immunreaktion auf eigentlich harmlose Nahrungsmittel. Die ersten Lebenstage gelten als entscheidendes Zeitfenster für die Entwicklung von Immuntoleranz.
Erste Lebenstage prägen das Allergierisiko
Neugeborene, die früh Formula-Nahrung erhalten, bekommen gleichzeitig weniger Kolostrum – die Muttermilch der ersten drei Tage nach der Geburt. Kolostrum unterscheidet sich deutlich von reifer Muttermilch und Formula-Nahrung: Es enthält viele bioaktive Stoffe, die das Immunsystem stärken und die Darmgesundheit fördern. Sein konkreter Einfluss auf die Entwicklung von Allergien war bislang jedoch unklar.
Australische Forscher um Dr. Maheshwar Bhasin von der University of Western Australia in Perth haben diese Wissenslücke geschlossen. Sie untersuchten, wie sich die Ernährung in den ersten drei Lebenstagen auf das Risiko für Nahrungsmittelallergien im Alter von 12 bis 18 Monaten auswirkt.
Dazu analysierten sie Daten von 666 Mutter-Kind-Paaren und verglichen Säuglinge, die ausschliesslich Kolostrum erhielten, mit solchen, die zusätzlich Formula-Nahrung bekamen. Als primären Endpunkt definierten die Forscher das Auftreten IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien. Diese erfassten sie anhand von Pricktests sowie durch von den Eltern berichtete allergische Sofortreaktionen.
Fast die Hälfte der Säuglinge bekam früh Formula-Nahrung
In der Studie erhielt nahezu die Hälfte der Neugeborenen (46 %) in den ersten drei Lebenstagen Formula-Nahrung. Diese frühe Zufütterung war mit einem deutlich erhöhten Allergie-Risiko verbunden: Das Risiko für Erdnussallergien war etwa fünffach, für multiple Nahrungsmittelallergien sogar elffach erhöht.
Besonders entscheidend war der Zeitpunkt der Allergenexposition: Säuglinge mit teilweiser Kolostrum-Ernährung hatten ein deutlich höheres Risiko für eine Allergie gegen Erdnüsse, wenn diese erst nach dem siebten Lebensmonat eingeführt wurden (5,1 % vs. 1,2 % bei früher Einführung). Bei ausschliesslich mit Kolostrum ernährten Kindern blieb das Risiko hingegen unabhängig vom Einführungszeitpunkt niedrig.
Ein weiterer zentraler Befund: Säuglinge, die in den ersten 72 Lebensstunden neun oder mehr Kolostrum-Mahlzeiten erhielten, entwickelten keine Allergie gegen Erdnüsse – unabhängig davon, ob sie auch Formula-Nahrung bekamen. Demgegenüber war eine geringe Kolostrum-Aufnahme (weniger als drei Mahlzeiten pro Tag) mit einem deutlich erhöhten Risiko assoziiert.
Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht allein die Allergenexposition entscheidend ist, sondern vor allem die reduzierte Kolostrum-Aufnahme ein bislang unterschätzter Risikofaktor für Nahrungsmittelallergien sein könnte. Da weltweit mehr als ein Drittel der Neugeborenen nicht ausreichend Kolostrum erhält, unterstreichen die Daten, wie wichtig es ist, insbesondere bei Risikokindern gezielt eine frühe Kolostrum-Gabe zu fördern.
Bhasin M et al. Colostrum as a Protective Factor Against Peanut Allergy: Evidence From a Birth Cohort. Allergy. 2026; 81(2): 552–562. doi: 10.1111/all.70043.