Medical Tribune
2. Mai 2026Mehr Medikamente, höheres Risiko

Falsche Verordnungen sind im Alter besonders häufig

Viele Senioren kennen sie: die täglich volle Pillenbox. Eine aktuelle Schweizer Studie zeigt allerdings: Die meisten älteren und multimorbiden Patienten erhalten mehr Medikamente als medizinisch sinnvoll wäre. Gleichzeitig fehlen aber häufig wichtige Wirkstoffe. Vor allem Pflegeheimbewohner und Patienten, die viele Medikamente einnehmen müssen, sind betroffen.

Polypharmazie im Blick: Eine hohe Anzahl an Medikamenten erhöht die Komplexität der Therapie.
Microgen/stock.adobe.com

Wenn Patienten dauerhaft fünf oder mehr Medikamente pro Tag einnehmen, spricht man von Polypharmazie, bei mehr als zehn Medikamenten von Hyperpolypharmazie. Polypharmazie betrifft insbesondere ältere, multimorbide Menschen. Auch wenn Patienten mit mehreren Erkrankungen aus medizinischer Sicht häufig eine Mehrfachmedikation benötigen, steigt mit jeder zusätzlichen Verordnung das Risiko potenziell inadäquater Verschreibungen. Besonders gross ist die Gefahr von Polypharmazie, wenn Patienten von verschiedenen Ärzten behandelt werden, da meistens krankheitsübergreifende Therapiekonzepte fehlen.

Zu potenziell inadäquaten Verschreibungen gehören inadäquate Medikamente, aber auch die Unterlassung von medizinisch indizierten Therapien. Als inadäquat gelten Medikamente, die ohne klare Indikation verabreicht werden bzw. Medikamente, bei denen das Nebenwirkungsrisiko den erwarteten Nutzen überwiegt. Polypharmazie erhöht nicht nur das Risiko einer Übertherapie, sondern fördert auch die Gefahr einer Unterversorgung, wenn Ärzte klinisch indizierte Arzneimittel nicht mehr verordnen. Sowohl die Übertherapie als auch Verschreibungsunterlassungen können gravierende Folgen haben, etwa vermehrte Nebenwirkungen, Stürze oder kognitive Einbussen. Dazu steigen die Gesundheitskosten, da die Betroffenen verstärkt medizinische Leistungen in Anspruch nehmen.

Verordnungen sehr häufig potenziell inadäquat

Vor diesem Hintergrund untersuchte ein Team aus Wissenschaftlern um Jonathan Huschka, Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM), sowohl Muster als auch Häufigkeit und Veränderungen potenziell inadäquater Verordnungen. Die Forscher analysierten dazu Patientendaten aus vier europäischen Ländern unter Berücksichtigung der Wohnsituation (zu Hause oder im Pflegeheim), der Medikamentenbelastung (Polypharmazie oder Hyperpolypharmazie) sowie weiterer patientenbezogener Einflussfaktoren. Ziel war es auch zu prüfen, wie sich die Verordnungen über einen Zeitraum von zwölf Monaten veränderten.

Die Analyse umfasste 1045 Personen ab 70 Jahren mit mindestens drei chronischen Erkrankungen und fünf dauerhaft eingenommenen Medikamenten. Bereits bei der Aufnahme ins Spital hatten 88,3 % mindestens eine potenziell inadäquate Verordnung. 63,5 % erhielten mindestens ein potenziell inadäquates Medikament – am häufigsten Benzodiazepine bei bestehendem Sturzrisiko oder in Langzeitanwendung. Bei 72,1 % lag mindestens eine potenzielle Verschreibungsunterlassung vor, etwa das Fehlen eines ACE-Hemmers oder Sartans bei Herzinsuffizienz oder einer knochenschützenden Therapie bei Osteoporose.

Pflegeheimbewohner oft mit falscher Medikation

Pflegeheimbewohner waren häufiger betroffen als zu Hause lebende Patienten – sowohl in Bezug auf ungeeignete Verordnungen als auch auf Unterlassungen. Neben Gebrechlichkeit und Multimorbidität dürfte auch das höhere Durchschnittsalter dieser Gruppe eine Rolle spielen. Besonders deutlich war der Unterschied bei der langfristigen Verordnung von Protonenpumpenhemmern, was die Autoren als Hinweis auf unzureichende Medikationsüberprüfungen im Pflegeheim werteten. Auffällig war zudem das häufige Weglassen von Statinen bei kardiovaskulär erkrankten Patienten. Dies dürfte laut Forschern jedoch die bewusste, individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung bei gebrechlichen Patienten mit begrenzter Lebenserwartung widerspiegeln.

Fast die Hälfte der Studienpopulation nahm mindestens zehn Medikamente ein (Hyperpolypharmazie). Interessant war: Je mehr Medikamente die Patienten erhielten, desto mehr inadäquate Medikamente waren dabei. Auffällig war insbesondere der hohe Einsatz von Benzodiazepinen bei Patienten mit Sturzneigung. Bei den Verschreibungsunterlassungen unterschieden sich Hyperpolypharmazie und Polypharmazie nicht signifikant.

Bei Frauen waren sowohl inadäquate Medikamente als auch Verschreibungsunterlassungen häufiger als bei Männern. Dass Personen mit kognitiver Beeinträchtigung häufiger unnötige Medikamente erhielten, führten die Forscher auf die starke Verordnung zentral wirksamer Sub­stanzen zurück. Sehr alte Patienten, Menschen mit Sturzneigung sowie Patienten mit vielen Begleiterkrankungen blieben hingegen eher unterversorgt.

Nach einem Jahr: Gesamtprävalenz bleibt stabil

Über den gesamten Beobachtungszeitraum von zwölf Monaten blieb die Gesamtprävalenz potenziell inadäquater Verordnungen hoch und insgesamt relativ stabil. Auf individueller Ebene zeigten sich jedoch erhebliche Schwankungen. Auffallend war, dass Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz im Verlauf seltener ACE-Hemmer oder ein Sartan erhielten. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass diese Therapie im Spital aus akuten Gründen pausiert und später nicht wieder aufgenommen wurde. Dagegen ging der unangemessene Einsatz von Benzodiazepinen zurück, was die Autoren als zunehmende Bemühungen zur Therapieoptimierung werteten. Parallel nahm die Verordnung von Neuroleptika zu – dies könnte Ausdruck einer kompensatorischen Verschiebung von Verschreibungsmustern sein.

Die Beobachtungen verdeutlichen: Medikamente werden oft episodisch und situationsabhängig angepasst. Reine Prävalenzzahlen reichen daher nicht aus, um die Realität abzubilden. Das zeigt, wie wichtig es ist, regelmässig den individuellen Medikationsplan der Patienten zu prüfen – sowohl im Hinblick auf eine Über- als auch Unterversorgung. Denn potenziell inadäquate Verordnungen sind bei älteren, multimorbiden Menschen nicht die Ausnahme, sondern die Regel.