Schlafstörungen: Nicht jedes Melatonin wirkt gleich
Viele Menschen kommen mit Schlafproblemen zuerst in die Apotheke – mit der Erwartung auf eine schnelle Lösung aus der Packung. PD Dr. med. PD Dr. med. Christian Mikutta zeigte in seinem Vortrag, dass nur fundiertes Wissen über Schlafphysiologie und Insomnie eine sinnvolle Beratung ermöglicht und nicht bloss Symptome dämpft. Ein Schwerpunkt lag auf der klaren Unterscheidung zwischen kurz- und langwirksamem Melatonin, deren unterschiedliche Einsatzgebiete Apotheker kennen sollten.

Bei nicht erholsamem Schlaf ist die Überprüfung der Schlafhygiene für Mikutta der erste und wichtigste Schritt. Aus seiner klinischen Erfahrung erklärt er, dass bei einem erheblichen Teil der Betroffenen das Schlaf-Wach-Verhalten die Problematik ausreichend erklärt.
Zu den zentralen Empfehlungen zählen:
- kein Koffein am Abend (inklusive Kaffee, schwarzer Tee, Cola, Energy Drinks),
- Stimulus-Kontrolle (Bett nur für Schlaf und Sexualität, Aufstehen nach etwa 20 schlaflosen Minuten, kein nächtliches «Uhrenschauen»),
- Alkohol vermeiden und nicht als «Schlafmittel» nutzen,
- regelmässige körperliche Aktivität,
- ausreichende Lichtexposition,
- kein ausgedehnter Tagesschlaf und
- keine längeren «Schlafeinheiten» abends vor dem Fernseher sowie
- Begrenzung von Bildschirmzeit und Blue-Light-Exposition in den Abendstunden.
Ein zentraler Punkt: Die Bettzeit sollte zur tatsächlichen Schlafdauer passen. Wer lange im Bett liegt, aber wenig schläft, verschärft Ein- und Durchschlafstörungen. Genau hier setzt später die Schlafrestriktion im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie an. Für die Apotheke ist dieser Punkt heikel zu vermitteln – «Schlafen Sie weniger» wirkt kontraintuitiv, ist aber möglicherweise ein zentraler Hebel.
Kurz- versus langwirksames Melatonin
Mikutta betont die klare Unterscheidung zwischen kurz wirksamem (IR) und lang wirksamem (retardiertem, ER) Melatonin – mit jeweils eigenen Einsatzgebieten.
Kurz wirksames Melatonin (IR) erreicht schnell hohe Plasmaspiegel, wirkt etwa 40 Minuten und fördert vor allem das Einschlafen sowie die Verschiebung des Schlafrhythmus. Es eignet sich bei circadianen Rhythmusstörungen (wie Jetlag oder Schichtarbeit) oder bei Einschlafproblemen durch eine verschobene innere Uhr (etwa bei ADHS-bedingter Insomnie).
Wer eine Phasenverschiebung anstrebt, nimmt IR-Melatonin deutlich vor der gewünschten Schlafenszeit ein; zur reinen Einschlafhilfe reicht die Einnahme 30–60 Minuten vor dem Zubettgehen.
Lang wirksames, retardiertes Melatonin (ER) sorgt über mehrere Stunden für einen flachen, anhaltenden Plasmaspiegel und ahmt die körpereigene Melatoninfreisetzung nach. Es wirkt eher schlafstabilisierend und unterstützt das Durchschlafen, ohne einen ausgeprägten chronobiotischen Effekt. ER-Präparate kommen vor allem bei Durchschlafstörungen zum Einsatz, wenn der circadiane Rhythmus an sich nicht verschoben werden soll.
Für das in der Schweiz verfügbare IR-Melatoninpräparat nennt Mikutta zwei Hauptindikationen: Insomnie bei Kindern und Jugendlichen von 6–17 Jahren mit ADHS, wenn Schlafhygiene nicht ausreicht, sowie die Kurzzeitbehandlung des Jetlag-Syndroms bei Erwachsenen mit 0,5–5 mg abends für maximal fünf Tage und höchstens 16 Zyklen pro Jahr.
Mikutta betont, dass Melatonin bei «nichtorganischer» Insomnie ohne circadiane Problematik in der Regel nicht wirksam ist und nicht als generelles Schlafmittel betrachtet werden sollte. Dagegen sei die Kombination aus Schlafhygiene und IR-Melatonin in klar definierten Konstellationen sehr hilfreich.
Mikutta sieht Apotheker als «eine der ersten Anlaufstellen» für Menschen mit Schlafproblemen. «Wenn Patienten zuerst zur Apotheke kommen, entscheiden Sie mit, ob jemand in einen Chronifizierungs- oder in einen Lösungsweg einsteigt», fasste er zusammen.