Medical Tribune
28. Apr. 2026Je mehr Harnwegsinfekte innerhalb von sechs Monaten, desto höher das Risiko

Bei rezidivierenden HWI an Blasenkrebs denken

Wiederkehrende Harnwegsinfekte innerhalb eines halben Jahres können auf Blasenkrebs hinweisen. Hausärzte sollten in solchen Fällen eine Zystoskopie veranlassen, rät eine aktuelle Fall-Kontroll-Studie im Fachjournal Lancet (1).

Wenn der Toilettengang zur Belastung wird: Beschwerden eines Harnwegsinfekts im Alltag.
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30–40 % der Menschen mit Blasenkrebs leiden im Jahr vor der Dia­gnose vermehrt an den Symptomen eines Harnwegsinfekts (HWI).

Ein britisches Forscherteam untersuchte nun, wie stark das Risiko für Blasenkrebs mit der Häufigkeit und dem zeitlichen Muster wiederholter Infekte zusammenhängt. Ziel war es, eine präzisere Definition für rezidivierende HWI im Zusammenhang mit der Blasenkrebsdiagnostik zu entwickeln.

13-fach erhöhtes Risiko ab 5 HWI in 6 Monaten

Die Studie analysierte Daten von 17.157 Blasenkrebspatienten, die mindestens einen dokumentierten HWI vor der Diagnose hatten. Jeder Fall wurde dabei mit fünf Kontrollpersonen ohne Blasenkrebs abgeglichen, die Alter, Geschlecht und Hausarztpraxis teilten (insgesamt 36.779 Kontrollen).

Dann verknüpften die Forscher Daten des englischen Krebsregisters (NCRAS) mit dem Clinical Practice Research Datalink (CPRD) und untersuchten die Anzahl der HWI-Episoden in verschiedenen Zeiträumen vor der letzten Infektion vor der Krebsdiagnose.

Die Ergebnisse zeigen eine deutliche zeitliche und «dosisabhängige» Beziehung zwischen der Häufigkeit von HWI und dem Blasenkrebsrisiko. Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang innerhalb der sechs Monate vor der Diagnose.

Patienten mit mehreren Infektionen in diesem Zeitraum hatten signifikant höhere Chancen, an Blasenkrebs zu erkranken, als diejenigen mit nur einer Infektion. Für fünf oder mehr HWI innerhalb von sechs Monaten liess sich beispielsweise ein mehr als 13-fach erhöhtes Risiko im Vergleich zu einer einzelnen Episode beobachten.

Auch drei oder vier Infektionen waren mit deutlich erhöhten Risiken verbunden, wobei die Effektstärke mit zunehmender Episodenzahl zunahm. Dieser «dosisabhängige» Zusammenhang schwächte sich deutlich ab, je grösser der betrachtete Zeitrahmen war.

Zusätzliche Analysen zeigten, dass sowohl klinisch diagnostizierte HWI als auch wiederkehrende irritative Harnwegssymptome ohne gesicherte Infektion mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden waren. Der Effekt blieb auch nach Anpassung an verschiedene soziodemografische und klinische Risikofaktoren bestehen.

Zusammenhang bei Frauen besonders deutlich

Darüber hinaus bestätigte die Studie bekannte Risikofaktoren für Blasenkrebs, darunter Rauchen, schlechter sozioökonomischer Status, Untergewicht sowie Diabetes und neurologische Erkrankungen. Auffällig war ein stärker ausgeprägter Zusammenhang zwischen häufigen HWI und Blasenkrebs bei Frauen. Hormonersatztherapie scheint ein protektiver Faktor bei Frauen mit häufigen HWI zu sein.

Die Autoren schlagen vor, sechs Monate als relevante Zeitspanne für die Definition rezidivierender HWI im Kontext der Blasenkrebsdiagnostik zu verwenden. Diese Präzisierung könnte helfen, Hochrisikopatienten frühzeitig zu erkennen und gezielt abzuklären, etwa durch eine Zystoskopie.