Wie TikTok & Co Männer zu Patienten machen
Soziale Medien haben die Diskussion über Männergesundheit grundlegend revolutioniert. Was lange tabuisiert war, wird heute millionenfach öffentlich diskutiert. Gleichzeitig verändert das digitale Zeitalter auch Beziehungen und Männlichkeitsideale.

«Patienten kommen heute nicht mehr über den Hausarzt, sondern über TikTok, YouTube oder Instagram», berichtet die andrologische Influencerin Dr. Fenwa Milhouse aus Chicago, die mittlerweile auch als «Dr. Down Below» bekannt ist.
Das ist kein Randphänomen: Studien zeigen, dass sechs von zehn Menschen ihre Gesundheitsinformationen aus dem Internet beziehen. «Viele Männer kommen dann mit klaren Vorstellungen in die Praxis. Sie kommen und sagen: ‹Ich habe das – ich brauche dies›», so Dr. Milhouse.
Vom Tabu zur Überdiagnose?
Dabei bestand das Problem lange Zeit darin, Männer überhaupt in die Versorgung zu bringen. Das hat sich geändert. «Die Männer kommen heute früher, wenn sie Probleme haben.» Zur Enttabuisierung beigetragen haben für die Expertin vor allem die sozialen Medien, in denen Themen wie erektile Dysfunktion, Testosteronmagel und Infertilität täglich millionenfach diskutiert werden.
Doch die Entwicklung hat eine Kehrseite. «Soziale Medien folgen einem einfachen Prinzip: Aufmerksamkeit erzeugen. Der Algorithmus fragt nur: ‹Was hält dich beim Zuschauen?›», erklärt die Andrologin. Emotionale, vereinfachte oder alarmistische Inhalte verbreiten sich dabei besonders schnell: «Ein Titel wie ‹Testosteronmangel ruiniert dein Leben› funktioniert besser als jede recherchierte Aufklärung.» Die Folge ist, dass Nutzer immer mehr Inhalte desselben Typs sehen. So kann aus Information schnell Verunsicherung werden.
Gerade beim Thema Testosteron zeigt sich das aktuell besonders deutlich. Männer interpretieren unspezifische Symptome wie Müdigkeit, sexuelle Unlust oder Leistungsabfall heute zunehmend vorschnell als Testosteronmangel. «Die Folge ist eine zunehmende Pathologisierung normaler körperlicher Variationen», so Dr. Milhouse. In den USA stiegen die Verschreibungen von Testosteron zuletzt innerhalb von fünf Jahren um 50% an.
Erektile Dysfunktion trifft zunehmend Jüngere
Auch wenn Testosteronmangel wesentlich seltener ist als gedacht, wird klar, dass sexuelle Funktionsstörungen tatsächlich zunehmen, und das vor allem bei jungen Männern. Heute ist etwa jeder vierte Mann unter 40 von einer erektilen Dysfunktion betroffen – rund die Hälfte davon in schwerer Ausprägung.
«Früher gingen wir davon aus, dass erektile Dysfunktion unter 40 vor allem psychische Hintergründe haben – das stimmt so nicht mehr», erklärt der Londoner Urologe Dr. Fabio Castiglione. Studien zeigen etwa, dass bei einem relevanter Anteil dieser Patienten tatsächlich körperliche Risikofaktoren vorliegen, etwa ein bislang unerkannter Prädiabetes oder Diabetes. Die erektile Dysfunktion kann damit auch ein früher Hinweis auf kardiometabolische Erkrankungen sein.
Neben organischen Faktoren spielen psychische Belastungen aber nach wie vor eine zentrale Rolle. Untersuchungen zeigen Zusammenhänge mit Angst, Depression, Schlafmangel und Medikamenteneffekten.
Gleichzeitig bleibt die Mehrheit unerkannt: Nur rund sechs Prozent der betroffenen Männer erhalten überhaupt eine ärztliche Diagnose. Viele wenden sich stattdessen gleich an das Internet – wo Influencer und kommerzielle Anbieter oft schnelle Hilfe versprechen – etwa in Form von Nahrungsergänzungsmitteln oder «natürlichen» Potenzmitteln.
Männlichkeitsbilder und «Manosphere»
Hinzu kommen strukturelle und gesellschaftliche Einflüsse: Unsichere Lebensperspektiven, Leistungsdruck und ein zunehmend sedentärer Lebensstil wirken sich negativ auf die sexuelle Gesundheit aus. «Chronisch erhöhter Stress und hohe Cortisolspiegel sind schlecht für die erektile Funktion», erinnert Dr. Castiglione. Auch Bewegungsmangel und ein ungesunder Lebensstil tragen insgesamt zur Problematik bei.
Gleichzeitig verändern sich gesellschaftliche Erwartungen. Insbesondere junge Männer bewegen sich häufig in der sogenannten «Manosphere», einer stark vernetzten Online-Community, die Männlichkeit eng mit sexueller Leistungsfähigkeit, Kontrolle und sexueller Performance verknüpft.
Hinzu kommt, dass viele Männer sozial isolierter sind als früher. «Bis zu 50% geben an, keine engen Freundschaften mehr zu haben, immer mehr Männer sind alleinstehend», so der Urologe. Viele berichten von suizidalen Gedanken. Digitale Beziehungsverhalten wie «Ghosting» und die permanente Vergleichbarkeit über soziale Medien tragen zusätzlich zur emotionalen Instabilität bei.
Pornos niemals verbieten!
Ein weiterer zentraler Faktor ist der Konsum von Pornografie: «Die jungen Männer lernen sich ihr Sexualverhalten zunehmend über den Bildschirm ein. Ein 14-Jähriger hat heute mehr explizite Inhalte gesehen als sein Grossvater im ganzen Leben», so Dr. Castiglione. Das führt bei vielen Männern zu falschen Annahmen in Bezug auf normale körperliche Ausstattung und Leistungsfähigkeit.
Dabei scheinen immer mehr Männer ihre sexuelle Erregungsfähigkeit vollständig an Pornos zu knüpfen. In Patientenbefragungen zeigt sich, dass manche Männer während einer Masturbationssitzung bis zu zehn Videos konsumieren; im Zuge eines normalen Geschlechtsverkehrs ist ein solches Erregungslevel aber schwer zu reproduzieren. Vielen Männern fällt es damit zunehmend schwer, eigene sexuelle Fantasien unabhängig von digitalen Inhalten zu entwickeln – und diese gemeinsam mit einem Partner zu erleben. Die Folge können veränderte Erwartungen an sexuelle Reize und Schwierigkeiten bei der Erregung in realen Situationen sein. Einige Männer berichten sogar, dass sie masturbieren, «um zu testen, ob sie noch eine Erektion bekommen können.»
Die naheliegende Empfehlung, den Porno-Konsum einfach zu reduzieren oder zu stoppen, greift für die Experten jedoch zu kurz: Ein abrupter Stopp kann sogar dazu führen, dass sexuelle Erregung ganz ausbleibt. Und auch eine vorschnelle medikamentöse Therapie der erektilen Dysfunktion – etwa mit PDE-5-Hemmern – ist keine Lösung. Denn «wenn keine Erregung da ist, wirken PDE-5-Hemmer nicht. Man verschreibt eine Tablette, aber das eigentliche Problem bleibt bestehen – oder wird sogar schlimmer», wie Dr. Castiglione betont.
Eine neue Patientengeneration
Für Ärzte bedeutet diese Gemengelage eine neue Ausgangssituation. «Die Patienten haben sich verändert. Sie sind informiert, sie sind überzeugt – und oft auch verunsichert», sagt Dr. Milhouse. Gefordert ist für sie nicht mehr nur Fachwissen: «Einordnen, beruhigen, Grenzen setzen sind keine ‹nice to haves› mehr, sondern eindeutige strategische Massnahmen in der Arzt-Patientenbeziehung.»
Einen weiteren möglichen Lösungsansatz sieht sie darin, mehr ärztliche Präsenz in die sozialen Medien zu bringen. Derzeit stammen nur etwa 10-12% der Inhalte von medizinischem Fachpersonal. Dabei zeigen zahlreiche Beispiele, dass evidenzbasierte Inhalte durchaus Reichweite erzielen können. Ziel sei es, dass Ärzte die Informationshoheit online wieder stärker zurückgewinnen. Denn: «Wenn wir nicht informieren, tut es der Algorithmus.»
Plenary Session «Global men’s health crisis», EAU26 – 41st Annual EAU Congress, 13. – 16. März 2026, London.
