Medical Tribune
17. Apr. 2026Bei Vorhofflimmern ist noch Luft nach oben

Was Wearables in der Kardiologie leisten

Smartwatches können heutzutage wirklich viel – unter anderem EKGs schreiben. Aber wie verlässlich lassen sich zum Beispiel Vorhofflimmern oder paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien mit Wearables diagnostizieren?

Junger Mann misst seine Herzfrequenz mit einer Apple Watch.
Nestudio/stock.adobe.com

PD Dr. Patrick Badertscher, Leiter der Basel Wearable Clinic am Universitätsspital Basel, begann seinen Vortrag mit einer Anekdote aus dem Klinikalltag: Ein 51-jähriger Patient, bei dem er Ende letzten Jahres Extrasystolen abladiert hatte, sagte seinen Kontrolltermin kurzfristig ab. Stattdessen schickte er drei Videos, die er mit seiner Smartwatch erstellt hatte.

Das erste Video bezeichnete er als «Video vor der Ablation». Darin waren ventrikuläre Extrasystolen zu sehen und ein unregelmässiger Puls zu hören. Im zweiten Clip – dem «Video nach Ablation» – waren die Extrasystolen verschwunden, der Puls regelmässig. Ein drittes Video zeigte kein EKG, sondern eine winterliche Landschaft. Im Hintergrund läuft ein Song mit dem Text: «Mir geht’s gut, danke schön!»

Keine Diagnose in einem Viertel der Fälle

Wie ist die Datenlage zu Smartwatches im kardiologischen Kontext? Wie bewähren sich verschiedene Wearables im klinischen Alltag? Um diese Fragen zu klären, stellte Dr. Badertscher Ergebnisse der BASEL Wearable Study (1) vor, die er leitete. Die Studie testete fünf Wearables und verglich ihre Fähigkeit, Vorhofflimmern (AF) zu erkennen, mit einem 12-Kanal-EKG.

Das Ergebnis: Die Genauigkeit der Geräte, gemessen an Sensitivität und Spezifität, lag zwischen 58 % und 85 % – weit entfernt von Perfektion. Zudem lieferten die Geräte in einem Viertel der Fälle keine eindeutigen Ergebnisse. «Das war anders als in den Zulassungsstudien, die teilweise zu einem FDA-Approval dieser Smartwatches geführt haben», kommentierte PD Dr. Badertscher.

In einem weiteren Schritt analysierte sein Team die EKGs manuell und klassifizierte Anomalien wie supraventrikuläre und ventrikuläre Extrasystolen, Artefakte, Low Voltage (bei Herzschrittmachern) oder Schenkelblockbilder (2). Diese Anomalien beeinflussen die Genauigkeit der Diagnose: «Je mehr Anomalien vorliegen, desto schwerer fällt es der Uhr, eine korrekte Diagnose zu stellen», erklärte er.

Trotz dieser Schwächen arbeiten Drittanbieter mit Künstlicher Intelligenz daran, die Erkennungsrate zu verbessern. Dr. Badertscher zeigte sich optimistisch: «Ich bin überzeugt, dass wir die Genauigkeit bei der Vorhofflimmer-Diagnose auf über 97 % steigern können.»

Integration von Devices in den klinischen Alltag

Um die Möglichkeiten digitaler Medizin zu nutzen, gründete Dr. Badertscher vor über zwei Jahren die Basel Wearable Clinic. Patienten können ihre EKG-Daten als PDF hochladen oder per E-Mail einsenden. Der Befund kann wenig später von den Patienten eingesehen werden.

Zwischen Juni 2023 und Oktober 2024 wurden an der Basler Wearable Clinic 341 Einkanal-EKGs – vorwiegend von Männern – abgearbeitet. Die meisten Patienten nahmen Kontakt auf wegen Palpitationen, die häufigste Diagnose war Vorhofflimmern, der häufigste Befund ein Normalbefund. Limitierender Faktor bei der Diagnose von Vorhofflimmern ist nach wie vor die Herzfrequenz, erklärte PD Dr. Badertscher. Wenn diese über 150/min steigt – sprich bei tachykardem Vorhofflimmern – oder auch bei zu langsamen Frequenzen fallen Smartwatches immer noch durch.

Ein Paradebeispiel für den Einsatz von Wearables in der Kardiologie sind paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien. «Bei diesen Patienten, die ein paar Mal pro Jahr Herzrasen haben, sind Wearables der Goldstandard für die Diagnose», so PD Dr. Badertscher. Wenn die Betroffenen einen Anfall haben und bereits ein solches Gerät tragen, finden sich Schmalkomplex-Tachykardien – die Diagnose ist dann schnell gestellt.

Wenn die Uhr Alarm schlägt, nach Risikofaktoren suchen

Und was ist zu tun, wenn die Smartwatch ein asymptomatisches Vorhofflimmern detektiert hat? Dann empfiehlt es sich, dem ABC- oder AF-CARE-Pathway der European Society of Cardiology (ESC) zu folgen und zuerst einmal den CHA2DS2VASc-Score zu bestimmen. Antikoagulation wird dann notwendig, wenn der Score über 4 liegt. Da die Klientel der Basel Wearable Clinic im Mittel 53 Jahre alt ist, werden die meisten keinen Antikoagulation brauchen, gab PD Dr. Badertscher zu bedenken. In jedem Fall bietet die Wearable-Diagnose «Vorhofflimmern» aber die Möglichkeit, nach einschlägigen Risikofaktoren zu suchen und diese zu adressieren: Hypertension, Hyperglykämie, Alkoholkonsum, körperliche Inaktivität, Übergewicht, Hyperlipidämie und obstruktive Schlafapnoe.