Herzbeschwerden ohne Herzerkrankung
Herzbeschwerden ohne bekannte Herzerkrankung sind bei Älteren offenbar weit verbreitet. In einer grossen norwegischen Studie berichtete fast jeder zweite über 65-Jährige ohne kardiale Diagnose von Symptomen wie Müdigkeit oder Belastungsdyspnoe. Nicht nur das – auch die Lebensqualität nahm bei den Betroffenen deutlich ab.

Im höheren Alter sind Herzbeschwerden häufig. Dies liegt zum Teil an den physiologischen Veränderungen im Alter, welche Symptome wie Tachykardien, Palpitationen, Belastungsdyspnoe oder eine ausgeprägte Müdigkeit begünstigen können. So sind bei Senioren etwa fibrotische Veränderungen am Reizleitungssystem häufiger, zudem nimmt die myokardiale Compliance ab – selbst wenn keine manifeste Herzerkrankung besteht.
Problematisch ist auch, dass sich Herzkrankheiten im Alter oft unspezifisch präsentieren. Stehen z. B. nicht die klassischen Brustschmerzen, sondern vielmehr eine ausgeprägte Müdigkeit im Vordergrund, können die Symptome leicht fehlinterpretiert und daher erst spät erkannt werden. Zudem sind nicht immer Herzerkrankungen schuld an den Beschwerden, sondern es können andere Ursachen wie Lungenprobleme oder psychische Störungen dahinterstecken.
Wie häufig ältere Menschen ohne bekannte Herzerkrankung tatsächlich solche kardialen Symptome haben und wie sich diese auf die Lebensqualität auswirken, untersuchte nun ein Team aus Wissenschaftlern um Dr. Jarle Jorveit vom Sorlandet Hospital in Arendal, Norwegen.
Die Analyse basierte auf Daten der laufenden NORSCREEN-Studie, einer landesweiten randomisierten Studie zur Früherkennung von Vorhofflimmern. Erwachsene ab 65 Jahren mit erhöhtem Schlaganfall-Risiko nahmen daran teil und mussten zu Studienbeginn einen digitalen Fragebogen zu Vorerkrankungen, Symptomen und Lebensqualität beantworten. Von den über 50 000 Patienten gaben 78 % an, keine bekannte Herzerkrankung zu haben. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 74 Jahren, rund die Hälfte der Teilnehmenden war weiblich.
Interessanterweise hatten auffallend viele Personen ohne diagnostizierte Herzerkrankung dennoch Herzsymptome (43,5 %), verglichen mit 67,0 % derjenigen mit bekannter Herzerkrankung. Am häufigsten waren Müdigkeit, Belastungsdyspnoe, Tachykardie und Palpitationen.
Vor allem Frauen klagen über Beschwerden
Über alle Altersgruppen hinweg gaben Frauen häufiger kardiale Symptome an als Männer, was die Autoren u. a. auf Unterschiede in der Symptomwahrnehmung und auf eine höhere Prävalenz von Komorbiditäten zurückführten. Besonders deutlich zeigte sich dies bei Tachykardie und Palpitationen in der Altersgruppe von 65–69 Jahren. Müdigkeit nahm mit dem Alter zu und trat bei Frauen über 85 Jahren in etwa 38 % der Fälle auf. Die Prävalenz von Tachykardie und Palpitationen nahm dagegen mit dem Alter ab. Die Belastungsdyspnoe blieb relativ konstant über die Altersgruppen hinweg bestehen, während Synkopen bei Älteren häufiger auftraten.
Es gab mehrere klinische und soziale Faktoren, die mit dem Auftreten von Herzbeschwerden assoziiert waren, ohne dass eine Herzerkrankung bestand. Hierzu zählten weibliches Geschlecht, körperliche Inaktivität, aktuelles Rauchen, Adipositas, Alter < 75 Jahre, Alleinleben sowie Komorbiditäten wie COPD und Angststörungen. Die Ergebnisse machen damit deutlich, wie eng Herzbeschwerden, Begleiterkrankungen und psychosoziale Faktoren miteinander verknüpft sind.
Deutlicher Einfluss auf die Lebensqualität
Ein zentrales Ergebnis der Studie war zudem der deutliche Zusammenhang zwischen kardialen Symptomen und einer geringeren Lebensqualität. Dieser zeigte sich auch bei Personen ohne bisher bekannte Vorerkrankungen. Die Befunde legen nahe, dass solche Symptome mit einer insgesamt eingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeit und einer höheren psychosozialen Belastung verbunden sein können. Wichtig ist es deshalb, betroffene Patienten frühzeitig zu erkennen und zu betreuen – insbesondere dann, wenn noch keine eindeutige Herzerkrankung diagnostiziert wurde.
Jortveit J et al. Cardiac-related symptoms in individuals aged ≥65 years without diagnosed cardiac disease: insights from the NORSCREEN trial. Eur Heart J Open. 2026; doi: 10.1093/ehjopen/oeag032.