Chronischer Juckreiz: Mehr als nur ein Hautsymptom
Juckreiz ist sehr häufig, vor allem bei älteren Menschen. Ähnlich wie chronischer Schmerz beeinträchtigt er die Lebensqualität stark. 70 % der Betroffenen entwickeln Schlafstörungen, knapp 40 % Depressionen. An einer Fortbildungsveranstaltung referierte Dr. Emel Türkay von dermaesthetik in Zürich über dieses belastende Symptom, seine Ursachen und Therapieoptionen.

Die Ursachen für trockene Haut und Juckreiz sind komplex. Seit dem Jahr 2025 gilt Juckreiz laut European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) als multifaktorielles, neuroimmunes Syndrom. Neue Erkenntnisse legen nahe, dass die Hautbarriere weit mehr ist als ein mechanischer Schutz. Sie besteht aus vier eng verzahnten Komponenten, die je nach Körperregion unterschiedlich ausgebildet sind.
Stratum corneum und Lipidmatrix sind die mechanische Barriere und verhindern den Wasserverlust über die Haut. Säureschutzmantel und Lipidfilm der Haut bilden die chemische Komponente, die kommensale Hautflora die mikrobiologische. Darüber hinaus hat die Haut eine immunologische Funktion, da ihre Immunzellen eigenständig Zytokine bilden können. «Dieses System ist äusserst empfindlich, denn verändert sich eine Komponente, gerät alles aus dem Gleichgewicht», erläuterte Dr. Türkay.
So beeinflusst ein verschobener pH-Wert die Mikroflora, wodurch die Haut weniger Lipide bildet und die mechanische Barriere abnimmt. Die Folge sind ein verstärkter Wasserverlust und eine trockene Haut. Geht die Funktion der Hautbarriere verloren, spricht man von einer «Barrier damage driven skin inflammation».
Richtige Hautpflege als wichtigste Erstmassnahme
Die Referentin erläuterte auch das diagnostische Vorgehen bei Juckreiz. Die Erstbeurteilung besteht aus Anamnese und klinischer Untersuchung. Wie sind Charakter und Intensität des Juckreizes? Tritt er lokalisiert oder am ganzen Körper auf? Besteht er nur tagsüber oder auch nachts? Nehmen die Patienten Medikamente ein, verwenden sie neue Kosmetika oder haben sie Begleiterkrankungen? «Wichtig ist es, dass Sie die Patienten und ihre Beschwerden ernst nehmen», betonte die Expertin. Als Basislabor empfahl sie ein Blutbild sowie CRP, Leber-, Nieren- und Schilddrüsenwerte, Vitamin B12, Ferritin sowie Glukose. Zur erweiterten Diagnostik zählt die Bestimmung von antinukleären Antikörper (ANA) bei Verdacht auf Autoimmunkrankheiten sowie von Tryptase bei Verdacht auf Mastozytose. «Denken Sie bei akut aufgetretenem Juckreiz immer auch an Skabies», empfahl die Referentin.
Die wichtigste Erstmassnahme sei die richtige Hautpflege mit Urea und Feuchtigkeit. Die Betroffenen sollten sich mit milden, rückfettenden Reinigungsemulsionen waschen, keine Seife verwenden und nur kurz und lauwarm duschen. Trigger wie Wolle, irritative Kosmetika oder heisses Wasser gilt es zu meiden. Hilfreich seien auch juckreizstillende Externa mit Polidocanol oder Menthol sowie die kurzzeitige Gabe von Steroiden, wenn die Haut bereits entzündet ist.
Teufelskreis aus Juckreiz und Kratzen
Besteht der Juckreiz länger als sechs Wochen und fehlt eine eindeutige Ursache, riet die Expertin zur Zuweisung zu einem Spezialisten. Auch bei hohem Leidensdruck oder bei Verdacht auf eine Neoplasie (z. B. kutanes Lymphom) ist eine weitere Abklärung erforderlich. «Denken Sie daran, die Therapieadhärenz engmaschig zu überwachen», betonte die Expertin. Oft setzen die Patienten die Massnahmen ab, wenn eine Besserung eintritt. Wichtig ist zudem, über die Auswahl geeigneter Textilien wie Baumwolle aufzuklären. Aber auch das Verhalten spielt eine wesentliche Rolle. «Denn je mehr man kratzt, desto mehr juckt es auch. Es ist ein Teufelskreis», gab die Dermatologin zu bedenken.
Mit zunehmendem Alter nimmt die Hautfunktion ab: Die Epidermis verliert an Dicke, die mechanische Barriere wird schwächer. Gleichzeitig produziert die Haut weniger Feuchtigkeitsfaktoren und der transepidermale Wasserverlust steigt. Zudem steigt der pH-Wert, die Mikroflora gerät aus dem Gleichgewicht und oxidativer Stress wird schlechter abgefangen.
Ausschlaggebend für den Juckreiz ist der Verlust der Hautbarriere. Dadurch geht Wasser verloren und es entstehen Mikrotraumata. Durch die Reizung setzen Keratinozyten proinflammatorische Mediatoren frei, welche wiederum Neuronen aktivieren und die Bildung von C-Fasern fördern. Diese leiten den Juckreiz vermehrt weiter und verstärken so den chronischen Teufelskreislauf aus Juckreiz und Kratzen. Gleichzeitig schütten Mastzellen vermehrt Histamin aus, was ebenfalls zum Juckreiz beiträgt.
Haut, Darm und Hirn als Netzwerk
Neue Forschungen zeigen, wie eng die Gesundheit der Haut mit dem Darm verknüpft ist. «Beide Organe dienen der natürlichen Barriere. Wird der Darm durchlässig für Bakterien, können diese in den Körper gelangen und die Hautbarriere schädigen», erklärte sie. Zudem verwies Dr. Türkay auf die Haut-Darm-Hirn-Achse. Die drei Organe bilden ein neuroimmunendokrines Netzwerk, das über Nerven, Zytokine, Hormone und das Mikrobiom kommuniziert.
«Eine Wunderpille gibt es nicht, aber verschiedene Faktoren, die sich positiv auswirken», erläuterte die Expertin. So z. B. das regelmässige Rückfetten der Haut, ein erholsamer Schlaf und eine ausgewogene Ernährung mit Ballaststoffen, Omega-3-Fettsäuren, viel Flüssigkeit, Antioxidanzien wie Vitamin C und evtl. Prä- bzw. Probiotika. Wichtig ist, Alkohol, Stress, Bewegungsmangel sowie zucker- und fettreiche Nahrungsmittel zu meiden.
Auch Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung oder Mikroplastik spielen bei Juckreiz eine grosse Rolle. «Die Haut ist Spiegel der inneren und äusseren Balance. Emotionen wirken sich ebenfalls direkt auf die Hautgesundheit aus», betonte die Referentin. In hartnäckigen Fällen empfahl sie, eine Psychotherapie in Betracht zu ziehen. Denn Studien zeigen, dass Achtsamkeitsübungen, Atemtraining und Verhaltenstraining signifikant zur Senkung des Juckreizes beitragen können.
FomF Allgemeine Innere Medizin Update Refresher, Zürich, 14. November 2025