Medical Tribune
10. Apr. 2026Mehrstufiges Screening reduziert unnötige Untersuchungen

Prostatakrebs-Screening: Risikoadaptierte Strategien auf dem Vormarsch

Am 41. Jahreskongress der European Association of Urology (EAU) stand das Prostatakrebs-Screening im Mittelpunkt. Die neue europäische PRAISE-U-Initiative zeigte früh, dass ein gestufter Ansatz aus PSA-Test, Risikokalkulatoren, MRT und gezielter Biopsie klinisch relevante Prostatakarzinome zuverlässig erkennt und unnötige Untersuchungen vermeidet. Zudem präsentierten Experten aktuelle Ergebnisse weiterer Screening-Studien.

Im Gespräch über Vorsorge: Screening-Ergebnisse und weiteres Vorgehen werden individuell abgestimmt.
Sutthicha/stock.adobe.com

Die PRAISE-U-Studie (Prostate Cancer Awareness and Initiative for Screening in the European Union) belegt, dass der kombinierte Ansatz aus PSA-Test, Risikokalkulator, MRT und gezielter Biopsie nicht nur präzise Prostatakarzinome identifiziert, sondern auch überflüssige Eingriffe reduziert. Dr. Meike van Harten vom Erasmus MC Cancer Institute in Rotterdam stellte die ersten Ergebnisse vor (1).

Die Initiative verfolgt das Ziel, die Früherkennung von Prostatakrebs in Europa durch einen risikoadaptierten, mehrstufigen Ansatz zu standardisieren. In mehreren Ländern laufen Pilotprojekte, die Männer zwischen 50 und 69 Jahren einbeziehen. Die Screening-Prozesse wurden dabei an die jeweiligen nationalen Gesundheitssysteme angepasst.

MRT-Überweisungen deutlich reduzieren

Durch die zusätzliche Risikostratifizierung neben dem PSA-Wert liess sich die Zahl der MRT-Überweisungen um 40 bis 60 Prozent senken. «Wir müssen Wege finden, die Nachfrage nach MRT-Untersuchungen zu verringern», erklärte Dr. van Harten dem EAU-Presseteam. «So vermeiden wir unnötige Tests bei Männern mit geringem Risiko und stellen sicher, dass Hochrisikopatienten rechtzeitig diagnostiziert werden. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Männer mit niedrigem Risiko sicher auf weitere Untersuchungen verzichten können, während nur Hochrisikopatienten zur MRT überwiesen werden.»

Frühere Studien deuteten bereits darauf hin, dass bis zu 70 Prozent der MRT-Untersuchungen überflüssig wären, wenn der PSA-Wert mit einer zusätzlichen Risikostratifizierung kombiniert würde. Im Rahmen von PRAISE-U nutzen fünf europäische Pilotstandorte nach der PSA-Messung entweder die PSA-Dichte oder den Rotterdam Prostate Cancer Risk Calculator (RPCRC) zur Risikostratifizierung. Verschiedene Methoden wie die digitale rektale Untersuchung, der transrektale Ultraschall und der transabdominale Ultraschall bestimmen dabei das Prostatavolumen.

PSA- plus Bluttest Stockholm3

In einer schwedischen Studie, die Prof. Dr. Ugo Falagario aus Foggia vorstellte, untersuchten Forscher 13.733 Männer im Alter von 50 bis 52 Jahren. Sie verglichen ein PSA-basiertes Screening mit einem Ansatz, der den PSA-Test und den Bluttest Stockholm3 kombiniert. Der Stockholm3-Test verwendet einen Algorithmus, der Proteinmarker, genetische Marker und klinische Faktoren einbezieht. Die Ergebnisse zeigten, dass der Stockholm3-Test bei Männern mit einem PSA-Wert von 2 ng/ml oder höher die Zahl der MRT-Untersuchungen um 67 Prozent reduzierte (2).

«Wir konnten zeigen, dass dieser Ansatz in bevölkerungsbezogenen, organisierten Prostatakrebs-Screenings funktioniert. Er identifiziert gezielt Männer mit potenziell risikoreichem Krebs, die eine MRT-Untersuchung und Biopsie benötigen, und entlastet so die bildgebenden Diagnostik-Abteilungen erheblich», erklärte der Co-Studienleiter.

30 Jahre Prostatakrebs-Screening

Prof. Dr. Jonas Hugosson aus Stockholm präsentierte die aktuellen Ergebnisse der seit 1994 laufenden Prostata-Screening-Studie Gothenburg 1. Die Studie teilte 20.000 Männer im Alter von 50 bis 64 Jahren zufällig in zwei Gruppen: Eine Gruppe erhielt alle zwei Jahre Einladungen zum Screening (PSA < 3 ng/ml) oder systematischen Biopsien (PSA > 3 ng/ml), die andere Gruppe erhielt keine Einladungen, konnte jedoch opportunistisch PSA-Tests durchführen lassen. 77 Prozent der eingeladenen Männer nahmen mindestens einmal teil, 35 Prozent hatten mindestens einmal einen erhöhten PSA-Wert (≥ 3 ng/ml). Von diesen akzeptierten 95 Prozent eine systematische Biopsie.

Tumoren, die ausserhalb des organisierten Screenings entdeckt wurden, waren zu 80 Prozent vom ISUP-Grad Gruppe 1, und 46 Prozent dieser Fälle wurden aktiv überwacht. Prof. Hugosson betonte, dass PSA-Tests und Biopsien bei Männern mit erhöhtem PSA-Wert die Prostatakrebs-Mortalität langfristig senken.

Die Zahl der Männer, die eingeladen werden müssen, um einen Todesfall durch Prostatakrebs zu verhindern (Number needed to invite), liegt bei 161 – ein Wert, der bislang in keinem anderen Krebs-Screening-Programm erreicht wurde. Die Zahl der Diagnosen, die nötig sind, um einen Todesfall zu verhindern (Number needed to diagnose), beträgt sechs und ist mit der des Mammografie-Screenings vergleichbar, erfordert jedoch eine längere Nachbeobachtungszeit.

Überdiagnosen vermeiden

Der Ansatz dieser Studie, alle Männer mit erhöhtem PSA-Wert zu biopsieren, führte zu einer hohen und dauerhaften Rate an Überdiagnosen. MRT und Risikostratifikation können diese Überdiagnosen bei nichtsignifikantem Prostatakrebs jedoch deutlich reduzieren.