Medical Tribune
2. Apr. 2026Wie Gesellschaft, Lebensstil und Umwelt die Fertilität prägen

Globale Männergesundheit unter Druck?

In den vergangenen Jahren hat die Diskussion über eine globale Krise der Männergesundheit deutlich an Fahrt aufgenommen. Doch wie schlecht ist es um Spermienqualität, Testosteronlevel und Hodenkrebs wirklich bestellt? Darüber diskutierten Experten am EAU-Kongress 2026.

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme (SEM) menschlicher Spermien (Spermatozoen).
Science Photo Library / Power And Syred

Dramatisch. Freier Fall. Krise. Diese Begriffe prägen zunehmend die öffentliche Debatte, oft in Kombination mit maskulin besetzten Themen wie Männlichkeit, Stärke und Fortpflanzungsfähigkeit.

«Hierbei handelt es sich um klassische Klickbaits», berichtet Dr. Marij Dinkelman-Smit, Erasmus-Universität Rotterdam. «Die Männer in meiner Praxis haben deswegen zunehmend Angst um ihre Gesundheit.» Hintergrund sei, dass medizinische Informationen heute leicht zugänglich sind – oft vermischt mit Falschinformationen aus sozialen Medien.

Von globaler Krise zu individuellen Schwierigkeiten

Zwar gibt es tatsächlich Hinweise auf Veränderungen bei Spermienqualität, Testosteronspiegeln oder der Inzidenz von Hodenkrebs. Doch viele dieser Trends relativieren sich bei genauerer Betrachtung. So konnten globale Daten zur Abnahme der Spermienzahlen in nationalen Kohorten fertiler Männer nicht reproduziert werden – vermutlich aufgrund methodischer Unterschiede.

Auch beim Hodenkrebs zeigt sich ein differenziertes Bild: Trotz leicht steigender Inzidenzen handelt es sich um eine seltene, aber gut behandelbare Erkrankung. Im Stadium I liegt die Gesamtüberlebensrate bei nahezu 100 Prozent.

Dennoch gibt es keinen Grund, Fertilitätsprobleme bei Männern kleinzureden, betont Dr. Dinkelman-Smit. Weltweit schrumpfen die Fertilitätsraten, mehr als die Hälfte aller Länder liegt inzwischen unter dem Reproduktionsniveau. Einen Haupttreiber sieht sie in gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere in sozioökonomischen Hintergründen: «Die Menschen verschieben aus diesem Grund die Familiengründung und bekommen weniger Kinder.»

Der zeitliche Aufschub der Familienplanung hat biologische Konsequenzen. Nicht nur die Qualität der Oozyten nimmt mit dem Alter ab: Auch bei Männern können sich längere Exposition gegenüber Umweltfaktoren sowie altersbedingte Veränderungen auf der DNA- und epigenetischen Ebene negativ auswirken. Ein Beispiel ist die Achondroplasie, deren Risiko mit zunehmendem väterlichem Alter ansteigt.

Lebensstil als zentraler Risikofaktor

Der Lebensstil spielt ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der reproduktiven Gesundheit. «Die Adipositas-Pandemie ist die grösste Bedrohung für die Reproduktionsfähigkeit», sagt Dr. Dinkelman-Smit. Hochkalorische Lebensmittel, Bewegungsmangel, Rauchen, Schlafdefizite und Substanzkonsum beeinträchtigen Spermatogenese und Testosteronproduktion. Dennoch bleibt die Umsetzung entsprechender Empfehlungen schwierig: «In der Praxis ist die Adhärenz an Lebensstilmodifikationen gering, und auch die Datenlage ist nicht eindeutig.»

Körperliche Aktivität, Gewichtsverlust und mediterrane Ernährung verbesserten in Studien etwa zwar Spermienparameter, doch robuste Daten zu Schwangerschaftsraten fehlen. Zudem haben gerade Elite-Athleten häufig eigene Probleme mit der Fruchtbarkeit. Besser sieht es bei der sexuellen Leistungsfähigkeit aus: Daten zeigen, dass aerobes Training die erektile Funktion verbessern kann.

Trotz dieser Hürden ist für die Andrologin eine Verbesserung des Lebensstils sinnvoller als ein früher Einsatz von Reproduktionsassistenz. Als «peinlich» bezeichnet sie, dass in der Praxis diagnostische Massnahmen wie ein Spermiogrammen oder die Messung von Hypophysenhormonen oft spät erfolgen. «Viele Kollegen übersehen wichtige Hinweise und verpassen Therapiemöglichkeiten.»

Neue Chancen für die männliche Fruchtbarkeit

Hoffnung setzen Experten in neue Therapieansätze wie GLP-1-Rezeptoragonisten. Diese verbesserten in Studien nicht nur metabolische Parameter, sondern wirkten sich offenbar auch positiv auf die hypothalamisch-hypophysär-gonadale Achse aus. So zeigte eine Metaanalyse, dass die Anwendung von GLP-1-RA zu einem Anstieg von Testosteron, LH und FSH führte. Auch ein direkter Effekt unabhängig vom Gewichtsverlust wird diskutiert.

Erste Daten deuten zudem auf Verbesserungen von Libido, erektiler Funktion und sexueller Zufriedenheit und möglicherweise auch Spermienparametern hin.

Gleichzeitig betonen die Referenten, dass eine Gewichtsreduktion weiterhin der zentrale therapeutische Ansatz bleibt. Medikamentöse Strategien können diesen Prozess unterstützen, ersetzen ihn aber nicht.

Komplexes Zusammenspiel aus Umwelt und Genetik

Neben Lebensstilfaktoren steigt das Bewusstsein für Umweltbelastungen. Mikroplastik wurde etwa mittlerweile in praktisch allen Körpergeweben nachgewiesen – vom Blut bis zur Plazenta und sogar im Fötus. Die Exposition ist ubiquitär. Auch Kinderprodukte wie Babyfläschchen sind stark belastet; beim Sterilisieren in der Mikrowelle werden etwa Millionen von Plastikpartikeln aus dem Material gelöst.

Im Hoden wurden besonders hohe Spiegel gefunden; erste Humanstudien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Mikroplastik-Exposition und eingeschränkter Spermienqualität hin. Als besonders problematisch für die Fruchtbarkeit gelten Zusatzstoffe wie Bisphenol A, Phthalate oder bromierte Flammschutzmittel. Sie können hormonelle Signalwege beeinflussen, indem sie körpereigene Hormone wie Östrogen imitieren oder blockieren. Die Exposition mit Phthalaten während der Schwangerschaft wurde bereits mit einer kürzeren anogenitalen Distanz bei männlichen Nachkommen assoziiert.

Besonders alarmierend ist für Dr. Rossella Canarella, Universität Catania, dass sich Veränderungen bereits bei jungen Männern zeigen: «Jeder siebte 18-Jährige wies in einer aktuellen Studie eine verzögerte Hodenentwicklung auf.» Die Ursachen reichen von eigenem Alkoholmissbrauch bis in die pränatale Phase zurück. Sertolizellen gelten bereits in der Pränatalphase, Kindheit und Jugend als vulnerabel gegenüber äusseren Einflüssen. «Kommt ein Mann dann mit einer verringerten Sertolizellzahl aus der Pubertät, kann er eine augenscheinlich idiopathische Oligozoospermie entwickeln», berichtet die Referentin.

Zudem lassen sich bei rund 20% der Männer mit nichtobstruktiver Azoospermie genetische Ursachen identifizieren – häufig als Neumutationen, die möglicherweise durch die Exposition mit Umweltfaktoren entstanden sind.

Die neuen WHO-Leitlinien setzen hier an und betonen erstmals die Bedeutung von Prävention und früher Aufklärung über Risikofaktoren wie Rauchen, Ernährung und Umwelttoxine.

Vorsicht mit Testosterongaben!

Dr. John P. Mulhall, Memorial Sloan Kettering, New York, warnt in seinem Vortrag vor der erratischen Anwendung von Medikamenten – hier spielt aktuell vor allem das Testosteron eine grosse Rolle. Für die Fruchtbarkeit könne diese Praxis fatal sein: 96% der Männer entwickeln unter Testosterongabe innerhalb eines Jahres eine Azoospermie.

«Ausserdem setzt man Patienten erheblichen Risiken aus, wenn man Testosteron einfach unkritisch substituiert», so Dr. Mulhall. Supraphysiologische Testosteronlevel, wie sie unter Testosteron-Therapie entstehen können, sind mit teils schweren Nebenwirkungen verbunden, die von Haarverlust und Akne über Gynäkomastie und Hypertonie bis zu plötzlichem Tod reichen können. Bei transdermalem Testosteron warnt Dr. Mulhall insbesondere vor dem Übertragungsrisiko auf andere Personen und der Fertilitätsunterdrückung.

Umso wichtiger ist eine saubere Indikationsstellung, eine realistische Kommunikation der Therapieziele und eine regelmässige Kontrolle von Laborwerten und Spermiogramm. «Lassen Sie sich also ja nicht unter Druck setzen, eine Testosterontherapie zu verordnen», schliesst der Urologe.