Medical Tribune
27. März 2026Vorsorge zwischen Erwartung und Evidenz

Check-up bei Gesunden: Was bringt wirklich etwas?

Der Wunsch nach regelmässigen Gesundheits-Check-ups ist in der Bevölkerung gross. Doch welche Untersuchungen sind bei asymptomatischen Menschen tatsächlich sinnvoll, und wo drohen eher Überdiagnostik und unnötige Abklärungen? Prof. Dr. Oliver Senn vom Institut für Hausarztmedizin am Universitätsspital Zürich zeigte an einem Vortrag auf, warum evidenzbasierte Prävention für Patienten oft weniger spektakulär ausfällt als erwartet – und wo beim Check-up gemeinsame Entscheidungen wichtiger sind als zusätzliche Tests.

Ärztin bei der Auswertung von Patientendaten: Im Check-up geht es nicht um möglichst viele Tests, sondern um eine
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«Schon der Begriff Check-up ist nicht eindeutig definiert», sagte Prof. Senn. «Wahrscheinlich versteht jeder etwas anderes darunter. » Gemeint ist meist eine periodische Untersuchung bei Gesunden – doch weder Umfang noch Häufigkeit sind klar festgelegt.

In der Praxis kommt hinzu, dass viele Menschen zwar offiziell zur Vorsorge erscheinen, tatsächlich aber konkrete Sorgen oder Beschwerden haben. «Bis zu einem Drittel der Patienten, die einen Check-up wünschen, ist nicht wirklich asymptomatisch», so der Referent.

Deshalb sei es entscheidend, zunächst die sogenannte «Hidden Agenda» zu klären: Warum ist der Patient heute wirklich hier? Erst danach lasse sich entscheiden, ob es sich wirklich um eine Vorsorgesituation oder eher um eine diagnostische Abklärung handelt.

Evidenz in Buchstaben: Empfehlungsgrade im Überblick

An seinem Vortrag orientierte sich Prof. Senn an den Empfehlungen der US Preventive Service Task Force (USPSTF). Diese ordnet präventive Massnahmen nach ihrer Evidenz und ihrem Nutzen ein – von klar empfohlen bis nicht empfohlen.

EmpfehlungsgradBedeutung
Astark empfohlen (gute Evidenz und substanzieller Nutzen)
Bempfohlen (hohe Evidenz für moderaten Nettonutzen oder moderate Sicherheit für substanziellen Nutzen)
Cbedingt empfohlen (individuelle Entscheidung, Patientenpräferenzen wichtig)
Dnicht empfohlen (kein Nutzen oder potenzieller Schaden)
IEvidenz unzureichend («insufficient evidence»; – Patienten über Unsicherheit informieren!)

Viele präventive Massnahmen bewegen sich laut Prof. Senn im Bereich B oder C. Gerade bei Grad C sei daher Shared Decision Making zentral.

Wenn Erwartungen und Evidenz auseinandergehen

In der Praxis stossen oft unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. In repräsentativen Umfragen zeigt sich, dass die Bevölkerung andere Untersuchungen erwartet als jene, für die tatsächlich eine gute Evidenz vorliegt. Während beispielsweise Beratung zu Lebensstil und Risikofaktoren wissenschaftlich gut belegt ist, wird sie im Check-up von vielen Menschen weniger erwartet als umfangreiche Laboranalysen oder technische Untersuchungen.

Das führt laut Prof. Senn zu einem grundlegenden Dilemma: «Wir haben für gewisse Massnahmen eine starke Evidenz – aber genau diese werden von der Bevölkerung oft gar nicht erwartet.» Umso wichtiger sei es, gemeinsam mit dem Patienten zu entscheiden, welche Untersuchungen tatsächlich sinnvoll sind.

Risiko statt Einzelwerte beurteilen

Im Zentrum eines sinnvollen Check-ups steht für Prof. Senn die Anamnese. «Wir behandeln nicht einzelne Risikofaktoren – wir versuchen ein Gesamtbild zu erhalten.» Am Beispiel der kardiovaskulären Prävention bedeutet das: Blutdruck, Blutzucker, Lipide und weitere Faktoren sollten gemeinsam bewertet werden. Für die globale Risikobewertung empfiehlt die ESC das SCORE2-Modell, das auch in den Schweizer Präventionsempfehlungen der AGLA verwendet wird und sich in der hausärztlichen Praxis etabliert hat.

Für Menschen ab 70 Jahren steht mit dem SCORE2-OP ein altersadjustiertes Risikomodell zur Verfügung. Es ermöglicht eine differenziertere Abschätzung des kardiovaskulären Risikos im höheren Lebensalter.

Vorsicht bei Screening ohne klaren Nutzen

Obwohl sie nur von 27% der Bevölkerung erwartet wird, bleibt für Prof. Senn die Beratung zum Lebensstil ein wichtiger Bestandteil der Prävention (Empfehlungsgrad B). Dabei müsse nicht immer das Idealziel erreicht werden. Gelingt es, ein oder zwei Risikofaktoren zu verbessern – etwa mehr Bewegung oder weniger Rauchen –, kann das laut Studien einen erheblichen Einfluss auf die Lebenserwartung haben.

Kritisch beurteilt Prof. Senn hingegen Screeningtests ohne klaren Nutzen bei asymptomatischen Menschen mit niedrigem Risiko. Beispiele sind Routine- oder Belastungs-EKGs im Rahmen eines allgemeinen Check-ups. Randomisierte Studien zeigen hier keinen zusätzlichen Nutzen, dafür aber eine erhöhte Rate falsch positiver Befunde. Entsprechend erhält diese Praxis in vielen Empfehlungen einen Grad D – sie solle also nicht routinemässig durchgeführt werden.

Eine Sonderrolle nimmt das Lipoprotein(a) ein. Da der Wert zu 90 % genetisch determiniert ist, kann eine einmalige Messung zur Risikostratifizierung sinnvoll sein. Entscheidend sei jedoch, ob das Ergebnis auch therapeutische Konsequenzen habe, wie der Experte betonte.

Krebs-Screening: gemeinsame Entscheidung

Ein klassisches Beispiel für Shared Decision Making findet sich beim PSA-Screening zur Früherkennung des Prostatakarzinoms. Hier ist die Evidenzlage nicht eindeutig. Daher empfehlen viele Leitlinien, gemeinsam mit dem Patienten zu entscheiden, ob ein Screening durchgeführt wird – typischerweise im Alter zwischen 55 und 69 Jahren.

Auch beim Mammografie-Screening bleibt die Diskussion kontrovers. Während verschiedene Länder sehr unterschiedliche Screeningstrategien verfolgen, ist die Brustkrebssterblichkeit in vielen Industrieländern insgesamt rückläufig – auch dank verbesserter Therapien.

Beim Darmkrebs-Screening ist die Evidenz hingegen deutlich klarer. Verfahren wie der immunologische Stuhltest (FIT) oder die Koloskopie werden meist mit B bewertet, da ihr Nutzen hinsichtlich Mortalitätsreduktion gut belegt ist. «Der Vorteil ist, dass man mit dem FIT möglicherweise mehr Menschen erreicht», erklärte Prof. Senn. «Wenn jemand eine Koloskopie ablehnt, kann der Stuhltest eine Alternative sein.» Letztlich gehe es darum, die Teilnahme an der Vorsorge insgesamt zu erhöhen.

Ein Lungenkrebs-Screening sollte laut Prof. Senn ausschliesslich mit Niedrigdosis-CT erfolgen. Ein mögliches Screening richtet sich in erster Linie an Personen mit erhöhtem Risiko, etwa langjährige Raucher. Gleichzeitig bleibt es eine diagnostische Herausforderung: «Bei Rauchern finden sich im CT immer wieder Auffälligkeiten, die sich später als falsch positiv erweisen.»

Ungenutztes Potenzial HPV-Impfung

Als wichtigen Bestandteil eines Check-ups sieht Prof. Senn auch die Impfberatung: «Wenn wir schon beim Krebs-Screening sind: Ungenutztes Potenzial gibt es bei der HPV-assoziierten Krebsprävention.» Die HPV-Impfung schützt wirksam vor HPV-assoziierten Tumoren wie dem Zervix-, Anal- oder Peniskarzinom. Dennoch seien derzeit erst rund 50 % der männlichen Jugendlichen voll geimpft. Die angestrebte Durchimpfungsrate von 80% liege damit deutlich über der aktuellen Realität.