Wie Sarkopenie das Sturzrisiko bei Älteren erhöht
Stürze im Alter sind selten ein isoliertes Ereignis: Oft stehen dahinter komplexe geriatrische Syndrome wie Frailty und Sarkopenie. Dr. Marietta Meier (Universitäre Altersmedizin Felix Platter, Basel) erläutert, wie diese Faktoren zusammenwirken und welche Möglichkeiten der Prävention bestehen.

Ein Fall aus der Praxis illustriert, wie schnell Frailty zu einem Sturz führen kann. Die 100-jährige Frau B. wurde wegen zunehmender Schwäche und wiederholter Stürze von der Spitex ins Spital eingewiesen. Bei Eintritt zeigte sich ein reduzierter Allgemeinzustand, zudem war sie «zu allen Qualitäten» desorientiert, berichtet Dr. Meier.
Mehrere Faktoren erhöhten das Sturzrisiko: das hohe Alter, die zunehmende Schwäche, die Desorientierung sowie die ungewohnte Umgebung im Spital. Zusätzlich führte eine forcierte Diurese zu häufigen nächtlichen Toilettengängen. Da die Patientin in der ersten Nacht unruhig war, erhielt sie Quetiapin sowie Oxycodon. «Warum sie Schmerzreserven erhalten hatte, konnte sich im Nachgang niemand so genau erklären», so die Geriaterin.
In der zweiten Nacht kam es schliesslich zum Sturz mit Schenkelhalsfraktur. Postoperativ entwickelte die Patientin ein Delir und verstarb wenige Tage später.
Frailty – erhöhte Vulnerabilität im Alter
Frailty beschreibt einen altersbedingten Abbau körperlicher Reserven, so Dr. Meier. Häufig mit «Gebrechlichkeit» übersetzt, bezeichnet der Begriff vor allem eine «erhöhte Vulnerabilität für Stressoren». Das bedeutet: Bereits vergleichsweise kleine Ereignisse – etwa eine Infektion, eine Fraktur oder ein Sturz – können bei frailen Patienten zu einem massiven, oft langanhaltenden Funktionsverlust führen. Viele benötigen nach dem Ereignis langfristig zusätzliche Unterstützung oder werden dauerhaft pflegebedürftig. Dies steht im Gegensatz zu jüngeren und fitten Personen, die ein solches Ereignis meistens ohne Folgen überstehen.
Betroffen sind viele Senioren: Bei den über 65-Jährigen liegt die Prävalenz zwischen 4 und 16 %, bei älteren Patienten mit Krebs sogar bei rund 43%.
Zur Einschätzung der Frailty stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung. Eines der bekanntesten ist das Frailty-Modell nach der US-Geriaterin Linda Fried. Es umfasst fünf Punkte:
- Ungewollter Gewichtsverlust (>5% im letzten Jahr)
- Fatigue
- Geringe körperliche Aktivität
- Reduzierte Gehgeschwindigkeit (< 0,8 m/s)
- geringe Handkraft
Wer ein bis zwei Kriterien erfüllt, gilt als prä-frail; ab drei Kriterien spricht man von Frailty.
Ein weiteres wichtiges Instrument ist die Clinical Frailty Scale (CFS). Sie teilt Patienten ab 65 Jahren in neun Kategorien – von «sehr fit» bis «terminal erkrankt» – ein und dient insbesondere dazu, Patienten mit erhöhtem Risiko für schlechte klinische Outcomes zu identifizieren und Therapieentscheidungen zu unterstützen. «Entscheidend ist bei der CFS, immer den Zustand der letzten zwei Wochen und nicht während der akuten Erkrankung zu erfragen», so Dr. Meier. Dazu sei es meistens notwendig, Angehörige oder Pflegepersonen einzubinden.
Sarkopenie als Schlüsselmechanismus
Die pathophysiologischen Hintergründe der Frailty sind komplex. Eine Rolle spielen etwa chronische Entzündung, alterungsbedingt veränderter Stoffwechsel und verändertes Hungergefühl. Sie alle können Schwäche, Verlangsamung und Fatigue begünstigen.
Ein zentraler Treiber – und gleichzeitig einer der wenigen modifizierbaren Faktoren – ist die Sarkopenie. Sie bezeichnet den altersbedingten Rückgang von Muskelmasse, -kraft und -funktion. Der Abbau beginnt dabei bereits im mittleren Lebensalter: «Etwa ab dem 50. Lebensjahr verlieren wir ein bis zwei Prozent unserer Muskelmasse pro Jahr, wenn wir nicht aktiv dagegenhalten», so die Referentin. Zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr sind etwa 5 – 13 % der Menschen von Sarkopenie betroffen, bei den über 80-Jährigen können es bis zu 50% sein.
Zu den komplexen Hintergründen der Sarkopenie gehören alterungsbedingte hormonelle und metabolische Veränderungen. So begünstigt eine Insulinresistenz den muskulären Katabolismus. Und auch die Ernährung trägt wesentlich zur Problematik bei: «Viele ältere Menschen nehmen weniger als 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu sich, in dieser Alterskategorie wären aber mindestens 1 g/kg empfohlen», erklärt Dr. Meier. Bewegungsmangel verschlechtert die Situation deutlich: «Er beeinträchtigt nicht nur den Muskelerhalt, sondern mindert auch unseren Appetit.»
Die Konsequenzen der Sarkopenie sind weitreichend. Neben körperlicher Schwäche und Funktionsverlust begünstigt sie auch das Auftreten von Typ-2-Diabetes, metabolischem Syndrom, kardiovaskulären Erkrankungen und Frailty. Auch mögliche Zusammenhänge mit kognitiven Erkrankungen werden derzeit untersucht.
Training und Ernährung als wichtigste Therapieform
Diagnostiziert wird eine Sarkopenie durch DXA-Messung, Handkraftmessung und Messung der Gehgeschwindigkeit. Die wichtigste Gegenmassnahme besteht in der Steigerung der körperlichen Aktivität, betont Dr. Meier. Besonders wirksam sind Programme, die Kraft-, Gleichgewichts- und Ausdauertraining kombinieren. Idealerweise beginnt man mit diesen bereits im jungen Erwachsenenalter; bei älteren Menschen rät die Expertin zu Beginn zu gezieltem Training oder Physiotherapie.
Ebenso entscheidend ist eine ausreichende Proteinversorgung. Erreicht man diese nicht durch die normale Ernährung allein, sind insbesondere Molkenproteine geeignet zur Ergänzung: «Sie sind leicht verdaulich, enthalten alle neun essenziellen Aminosäuren und haben einen positiven Einfluss auf die Muskelmasse.»
Auch eine Vitamin-D-Substitution kann sich positiv auf Muskelkraft und Sturzrisiko auswirken. Für andere pharmakologische Ansätze wie Wachstumshormone und Testosteron gibt es hingegen noch keine klare Evidenz.
Sturzprävention beginnt im Alltag
Neben der Behandlung der Sarkopenie spielt auch die Umgebung eine wichtige Rolle. Eine zentrale Präventionsstrategie ist laut Dr. Meier die Vermeidung von Stolperfallen im Haus, etwa
- herumliegende Kabel oder Gegenstände
- schlechte Beleuchtung
- rutschige Böden und Badewannen
- fehlende Handläufe
- ungeeignete Schuhe
- wackelige Aufstiegshilfen
Die Rolle der Ärztinnen und Ärzte sei es auch, Sturzrisiken frühzeitig zu erkennen. Dazu gehören unter anderem eine regelmässige Visusprüfung, kritische Prüfung der Medikation, Empfehlungen zu körperlicher Aktivität, Ernährungsberatung und gegebenenfalls physiotherapeutische Programme.
Ein häufig unterschätztes Problem ist zudem die Sturzangst. Viele ältere Menschen vermeiden aus Angst vor einem Sturz Aktivitäten ausserhalb der Wohnung. Das Problem: «Sie gehen nicht mehr aus dem Haus, haben dadurch noch weniger Bewegung, eine noch schlechtere Ernährung und treten den sozialen Rückzug an», so Dr. Meier. Alle diese Faktoren verstärken wieder Sarkopenie, Frailty und Sturzrisiko.
Warnsignale gleich ernst nehmen!
Der Fall der 100-jährigen Patientin wurde später im interdisziplinären Team analysiert. Dabei zeigte sich, dass mehrere Warnsignale möglicherweise zu wenig beachtet worden waren – etwa Hinweise auf ein Delir oder die Gabe sedierender Medikamente. «Unser Ziel muss sein, diese Risikokonstellationen frühzeitig zu erkennen und präventiv zu handeln», betont Dr. Meier.
Vortrag « Sarkopenie, Frailty und Sturzprävention», von Dr. Marietta Meier am Allgemeine Innere Medizin Update Refresher, 27. – 31. Januar 2026, Basel
