Medical Tribune
16. März 2026Im Kaninchenbau der Pharmakovigilanz

Alice-im-Wunderland-Syndrom durch Medikamente

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom ist eine seltene neurologische Störung, bei der Betroffene ihre Umwelt oder den eigenen Körper verzerrt wahrnehmen. Neben dem bekanntesten Auslöser, der Migräne, könnten auch Medikamente eine Rolle spielen, wie eine Studie der weltweit grössten Pharmako­vigilanz-Datenbank nahelegt.

Alice-im-Wunderland-Syndrom
Man888/stock.adobe.com

Erstmal beschrieben wurde das Alice-im-Wunderland-Syndrom (AIWS) im Jahr 1952 vom Neurologen Dr. Caro Lippman. Ihm waren sieben Patienten mit Migräne aufgefallen, die an ungewöhnlichen Körperwahrnehmungsstörungen litten.

Ähnlich wie die Buchheldin des britischen Autors Lewis Carroll (der selbst an Migräne litt), die sich abwechselnd riesengross oder unnatürlich klein wahrnimmt, erleben Patienten mit AIWS-Patienten charakteristische Wahrnehmungsverzerrungen. Dazu zählen unter anderem:

  • somästhetische Verzerrungen (Störungen der Eigenkörperwahrnehmung, etwa wenn sich Körperteile grösser oder kleiner anfühlen, das Gefühl des Schwebens oder die somatopsychische Dualität mit dem Empfinden, vertikal in zwei Hälften geteilt zu sein)
  • visuelle Illusionen (Verzerrungen der Aussenwelt: Gegenstände erscheinen riesig oder winzig, Entfernungen wirken falsch, teils auch mit veränderter Zeitwahrnehmung)
  • dissoziative Symptome

Betroffenen bleibt dabei bewusst, dass es sich um Illusionen handelt – ein zentrales Unterscheidungsmerkmal gegenüber Psychosen, bei denen die Krankheitseinsicht häufig eingeschränkt ist.

Die meisten Beschreibungen des AIWS stehen im Zusammenhang mit Migräne oder epileptischen Anfällen. Hinzu kommen Berichte über das Auftreten in Verbindung mit Tumoren, Infektionen oder dem Konsum illegaler oder verschreibungspflichtiger Substanzen. In einer aktuellen Studie zielten Dr. Diane Merino, Centre Hospitalier Universitaire de Nice, und Kollegen darauf ab, potenzielle pharmakologische Trigger des AIWS in verschiedenen Altersgruppen zu identifizieren.

Signifikante Signale für sechs Wirkstoffe

Dafür werteten die Autoren Daten aus der internationalen Pharmakovigilanz-Datenbank der Weltgesundheitsorganisation, VigiBase®, aus. Bis Dezember 2024 fanden sich dort 87 Berichte zu Fällen eines AIWS. 26 Betroffene waren unter 18 Jahren alt, 45 erwachsen. Rund die Hälfte der Meldungen stammte von Gesundheitsfachpersonen. In 56 Fällen (64,4 %) stufte man die Symptome als schwerwiegende Nebenwirkung ein. Bei 17,2 % dieser Patienten kam es zur Hospitalisierung oder deren Verlängerung, 2,3 % der Ereignisse galten als lebensbedrohlich. Bei dokumentierter Indikation wurden 14,1 % der Medikamante wegen Migräne, 12,5 % wegen depressiver Symptome und 3,1 % wegen Epilepsie verordnet. Von den Fällen mit bekanntem Outcome erholten sich 79,6 %, während die Symptome bei 20,3 % bis zum Analysezeitpunkt bestehen blieben.

Die meisten absoluten Meldungen bezogen sich auf Covid-19-Impfstoffe (19,5 %), Montelukast (11,5 %) und Aripiprazol (9,2 %). Insgesamt wurden nur sechs Arzneimittel statistisch überproportional häufig berichtet: Montelukast, Aripiprazol, Topiramat, Sertralin, Methylphenidat und ein Meningokokken-Impfstoff. Montelukast zeigte dabei das stärkste Signal (IC 4,2; Mass für die statistische Überrepräsentation in der Datenbank). Für Covid-19-Impfstoffe blieb hingegen ein entsprechendes Disproportionalitätssignal aus (IC 0,63).

In der pädiatrischen Population zeigte sich ein Disproportionalitätssignal für Montelukast (IC 3,2) und Methylphenidat (IC 2,3). Bei den erwachsenen Betroffenen wurde am häufigsten über AIWS-Symptome im Zusammenhang mit Acetylsalicylsäure und Simvastatin berichtet. Die stärksten Disproportionalitätssignale zeigten allerdings Sertralin (IC 3,4), Topiramat (IC 3,1), Montelukast (IC 2,7) und Aripiprazol (IC 2,1). Das bestätigte sich auch in den Sensitivitätsanalysen der ausschliesslich von Gesundheitsfachkräften eingereichten Reports.

Entwarnung gibt es damit für Dextromorphan-, Dihydrocodein- und DL-Methylephedrin-basierte Hustensirupe sowie antivirale Wirkstoffe wie Oseltamivir, die früher als potenzielle AIWS-Auslöser beschrieben worden waren.