Shared Cytokines: Warum Hautkrankheiten systemische Folgen haben
Chronisch entzündliche Hauterkrankungen sind oft eng mit systemischen Komorbiditäten verbunden. Zentrale pathogenetische Mechanismen liegen in der gemeinsamen Zytokinvermittlung, etwa durch TNF-α, IL-17, IL-23 und IL-6, die Entzündungsprozesse über das Hautorgan hinaus initiieren.

Das Konzept hinter den assoziierten Komorbiditäten bei chronisch entzündlichen Hauterkrankungen sind die «Shared Cytokines». Die Big Player sind TNF-α, Interleukin-6, -17 und -23. «Sie wirken in unterschiedlichen Kompartimenten und genau deshalb sehen wir so viele Begleiterkrankungen», sagte Prof. Dr. Constanze Jonak, Universitätsklinik für Dermatologie, MedUni Wien.
Das erklärt auch, warum Medikamente, die einzelne Zytokine blockieren, teils indikationsübergreifend eingesetzt werden können. Denn diese Zytokine fördern nicht nur die lokale Entzündung, sondern auch metabolische, kardiovaskuläre und psychiatrische Erkrankungen.
Die Haut und das Gehirn kommunizieren miteinander
Die Haut-Hirn-Achse ist mittlerweile ein etabliertes Konzept, das auf neuroimmunologischen und neuroendokrinen Mechanismen basiert. Über Zytokine und Entzündungsmediatoren kommunizieren Haut und Gehirn. Psychische Belastungen können Hauterkrankungen wie atopische Dermatitis, Psoriasis oder Akne verstärken, während chronische Hauterkrankungen umgekehrt die psychische Gesundheit beeinträchtigen können. Bei Depressionen und Angststörungen sind u. a. Interleukin-17 und TNF-α beteiligt.
Unter den mittlerweile gut beschriebenen Komorbiditäten bei Psoriasis sind allen voran neuropsychiatrische Erkrankungen, Psoriasis-Arthritis, Hypertonie und kardiovaskuläre Erkrankungen, metabolisches Syndrom, chronisch entzündliche Darmerkrankungen und hämatologische Erkrankungen zu nennen.
Hohe systemische Entzündung bei schweren Dermatosen
Bei Psoriasis-Patienten diskutiert man auch ein erhöhtes Gesamt-Krebsrisiko. Als Ursachen werden die chronische Inflammation und die nachlassende Immunsurveillance im Alter vermutet. Anfängliche Bedenken, Biologika könnten das Krebsrisiko erhöhen, haben Studien mittlerweile – mit Ausnahme des nichtmelanozytären Hautkrebs – widerlegt. Für JAK-Inhibitoren (JAKi) gibt es diesbezüglich jedoch eine EMA-Warnung. Allerdings, so Prof. Jonak, dürfe man nicht vergessen, dass diese Warnung auf Daten von Menschen mit rheumatoider Arthritis basiert, die im Vergleich zu dermatologischen Patienten ein höheres Gesamt-Krebsrisiko aufweisen.
Studien, die das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und häufige solide Tumoren zwischen JAK-Inhibitoren gegenüber TNF- oder IL-17-Inhibitoren bei Patienten mit Psoriasis-Arthritis oder axialer Spondyloarthritis verglichen, haben bisher kein erhöhtes Risiko für JAKi in Bezug auf Malignome oder kardiovaskuläre Ereignisse festgestellt, auch nicht bei älteren Menschen über 65 Jahren.
Schwere Hauterkrankungen spiegeln eine hohe systemische Entzündung wider. Zytokine wie TNF-α, IL-17 und IL-12 können Gefässentzündung und Thrombosen fördern. Studien zeigen, dass Biologika eventuell atherosklerotische Plaques reduzieren und damit die Mortalität senken könnten. Auch Methotrexat zeigt in diesem Zusammenhang einen Benefit.
Psoriasis und atopische Dermatitis: mehr als Hauterkrankungen
Für die Psoriasis-Arthritis sind derzeit TNF- und IL-17-Blocker der Goldstandard. Rezente Daten zeigen, dass IL-23-Blocker möglicherweise noch effektiver zur Prävention einer Psoriasis-Arthritis geeignet sind.
Die atopische Dermatitis (AD) betrifft im Erwachsenenalter ähnlich viele Menschen wie Psoriasis, im Kindesalter jedoch deutlich mehr. Gut beschrieben sind die klassischen atopischen Begleiterkrankungen wie allergische Rhinokonjunktivitis, Asthma, Nahrungsmittelsensibilisierungen, Konjunktivitis oder Blepharitis. Darüber hinaus leiden viele Patienten unter Schlafproblemen, Suizidgedanken, Depressionen und Angststörungen. «Wir sehen auch bei der AD einen Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen», ergänzte Prof. Jonak. Schwere, unbehandelte Ekzeme könnten langfristig das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Herzinsuffizienz erhöhen. Eine grosse dänische Registerstudie differenzierte erstmals nach Altersgruppen: Bis 65 Jahre konnten die Wissenschaftler kein erhöhtes Risiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung finden. Bei den über 65-Jährigen erhöhte sich Risiko für thromboembolische Ereignisse. Ein aktives Management der Risikofaktoren durch frühzeitige und wirksame therapeutische Interventionen ist daher wesentlich.
Bei HS treffen zwei Risikofaktoren aufeinander
Die Prävalenz der Hidradenitis suppurativa (HS) wird mit 0,03–1,4 % angegeben, tatsächlich liegt sie wahrscheinlich höher, so Prof. Jonak. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen mit der höchsten Inzidenz zwischen 30 und 39 Jahren. HS ist mit einer Vielzahl an Komorbiditäten vergesellschaftet, u. a. Depressionen, Angststörungen, Adipositas und kardiovaskulären Erkrankungen. Auch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen treten bei HS gehäuft auf. Assoziationen bestehen ausserdem mit Akne, Pyoderma gangraenosum (Hinweis auf Autoinflammationssyndrom), hämatologischen und rheumatologischen Erkrankungen sowie genetischen Syndromen wie Trisomie 21.
HS erhöht nach bisheriger Datenlage das Gesamtrisiko für Malignome, besonders für Plattenepithelkarzinome in betroffener Haut. Diese sind oft schwer zu diagnostizieren – klinisch wie histologisch. HNO-,ZNS- und Kolonkarzinome sowie hämatologische Malignome treten ebenfalls häufiger auf. Männer sind stärker gefährdet als Frauen.
Viele HS-Patienten sind adipös. Fettgewebe produziert proinflammatorische Mediatoren; das Ungleichgewicht zwischen Leptin und Adiponektin fördert Entzündung und Karzinogenese. Bei HS treffen zwei Risikofaktoren aufeinander: die chronische Entzündung und die Adipositas, erklärte die Dermatologin. Viele Malignome sind Adipositas-assoziiert. Somit verstärken sich bei HS die Adipositas und die chronische Entzündung gegenseitig.
Seit 2016 gibt es weltweit mehr Übergewichtige als Untergewichtige. GLP-1-Rezeptoragonisten zeigen hier einen Benefit. Ursprünglich zur Diabetes-Behandlung entwickelt, werden sie auch zur Gewichtsreduktion eingesetzt (ab BMI 30 kg/m2 bzw. 27 kg/m2 mit gewichtsbedingter Komorbidität). Sie senken den Appetit, verzögern die Magenentleerung und verbessern zusätzlich Fettleber, Herz- und Nierenfunktion. Leider werden sie für dermatologische Patienten derzeit nicht erstattet, da Hauterkrankungen nicht als Komorbidität gelten, bedauerte Prof. Jonak.
Jahrestagung der Österreichischen Akademie für Dermatologische Fortbildung (OEADF)
