Medical Tribune
18. Feb. 2026Onkologische Patienten unterstützen

Supportive Therapie ist mehr als Symptomkontrolle

Die supportive Therapie beginnt bereits mit der Mitteilung der Verdachtsdiagnose Krebs, ist Dr. Raphaël Delaloye vom Kantonsspital Baden überzeugt. Am Allgemeine Innere Medizin Update Refresher erläutert der Onkologe, wie sich Schmerzen, Fatigue und Polyneuropathie bei Tumorerkrankungen optimal behandeln lassen.

Aufklärungsgespräch in der Praxis: Neben Diagnostik und Therapie ist auch die Kommunikation zentraler Bestandteil der
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Für Dr. Delaloye ist die supportive Therapie weit mehr als eine Ergänzung zur onkologischen Behandlung: «Sie erfasst den Menschen als Ganzes – mit seinen Beschwerden, seiner Prognose, seinen sozialen Ressourcen und persönlichen Zielen. Bei der Therapieplanung müsse man berücksichtigen, dass Lebensqualität hochindividuell sei: «Für manche ist es wichtig, das Enkelkind aufwachsen zu sehen. Andere wollen unbedingt noch diese eine Reise machen.»

Hausärzte spielen eine Schlüsselrolle, so Dr. Delaloye: Meist sind sie es, bei denen Patienten erstmals über Schmerzen oder andere Beschwerden berichten, die suggestiv für eine Tumorerkrankung sind. «Das Behandeln von Husten und Schmerzen ist bereits supportive Therapie.» Zeigen sich in der weiteren Abklärung deutliche Anzeichen für eine Krebserkrankung, sei es zudem entscheidend, wie die Verdachtsdiagnose kommuniziert wird.

Tumorfatigue: ein ernstzunehmendes Problem

Die Beschwerden onkologischer Patienten lassen sich in tumor- und therapiebedingte Symptome unterteilen. Während die Krebserkrankung selbst Schmerzen, Gewichtsverlust und Husten verursachen kann, führen Systemtherapien oft zu Problemen wie Blutbildveränderungen, Polyneuropathien, gastrointestinalen Störungen, oder Haut- und Schleimbeteiligung.

Ein häufiges Phänomen ist die Fatigue, die durch die Krebserkrankung selbst verursacht und durch viele Therapien weiter verstärkt werden kann. Bis zu 80% der Patienten leiden während der Behandlung darunter. Physiologisch können Nebenwirkungen wie Anämie, Herzinsuffizienz (z.B. nach Anthrazyklinen) oder endokrine Störungen die Ursache sein. «Oft sind diese reversibel», weiss der Experte. Eine strukturierte Differenzialdiagnostik – inklusive Herzfunktion, Schilddrüse und Nebennierenachse – ist daher Pflicht.

Bei anderen Patienten entsteht Fatigue durch die psychische Belastung. «Das Coping mit der Erkrankung führt oft zu Angst, Depressionen und Schlafstörungen», so Dr. Delaloye. Selbst nach überstandener Therapie fällt es vielen schwer, in den Alltag zurückzufinden. «Viele Patienten ‹funktionieren› während der Therapie – und brechen danach ein.»

Es sei daher wichtig, frühzeitig aktiv gegenzusteuern: etwa mit klarer Tagesstruktur, guter Schlafhygiene, kleinen, proteinreichen Mahlzeiten – und vor allem Bewegung. Studien zeigen, dass regelmässige körperliche Aktivität nicht nur die Lebensqualität steigert, sondern auch prognostisch günstig ist. «Schon 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche haben messbare Effekte», berichtet Dr. Delaloye. Angehörige können dabei als «Coaches» unterstützen. Für den Einstieg empfiehlt er physiotherapeutisch begleitetes Training oder medizinische Trainingstherapie (MTT), die meist von den Krankenkassen übernommen wird.

Auch Mind-Body-Interventionen wie Meditation oder Yoga helfen, sich im eigenen Körper wieder wohlzufühlen – ein Angebot, das vor allem die Männer laut Dr. Delaloye zu selten nutzen.

Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie: Prävention und Schmerzbehandlung

Polyneuropathien entstehen durch Läsionen an peripheren Nerven, etwa durch Platinpräparate, Taxane oder Proteasom-Inhibitoren. Meist bilden sie sich zurück, was jedoch Monate dauern kann. Medikamentös lässt sich meist nur der Schmerz lindern – Taubheitsgefühle hingegen kaum.

Dr. Delaloye empfiehlt Pregabalin, das langsam auf- und ebenso vorsichtig wieder abdosiert werden sollte. Es sollte zudem in der geringsten effektiven Dosis verabreicht werden, um kognitive Nebenwirkungen zu minimieren. Bei der nervalen Regeneration helfen zudem regelmässige Bewegung und Massagen.

Während der Chemotherapie können Massnahmen wie eine frühzeitige Dosisanpassung oder die Kühlung von Händen und Füssen während der Infusion den Nervenschaden begrenzen. Eine gekühlte Kopfhaube hilft zudem, den Haarverlust zu reduzieren.

Schwache Opioide: Keine Rolle bei Tumorpatienten

Bei Tumorschmerzen greift Dr. Delaloye auf ein vereinfachtes WHO-Schema zurück: relevant seien heute primär Stufe 1 (Nicht-Opioide) und Stufe 3 (starke Opioide; Morphin & Morphinderivate); die Stufe 2 (schwache Opioide, z.B. Tramadol) spielt hingegen in der onkologischen Schmerztherapie keine Rolle mehr. Auch die früher gängige Praxis, Opioide grundsätzlich mit Nicht-Opioiden zu kombinieren, bewertet er heute zurückhaltend.

Bei Nicht-Opioiden wendet der Experte gerne Metamizol an –  trotz der gängigen Vorbehalte gegen das Schmerzmittel aufgrund der – sehr seltenen – schweren Nebenwirkung der Neutropenie. «Diese tritt nur in 1,1 Fällen pro Million Anwendungen auf – meist bei der ersten Exposition», erklärt er. Nach der Erstgabe empfiehlt er daher eine Blutbildkontrolle nach zwei Wochen.

Bei starken Schmerzen rät der Onkologe zu einer raschen, strukturierten Aufdosierung von Opioiden («Paukenschlag»), oft in Tropfenform. Entscheidend ist eine klare Anleitung: «Ich schreibe aufs Rezept: Fünf Tropfen einnehmen, eine Stunde warten – und bei Bedarf nochmals fünf Tropfen.» So lasse sich die wirksame Dosis rasch finden. Sobald diese erreicht ist, genügen meist weniger häufige Gaben. Begleitend startet er immer ein Laxans, um der unvermeidlichen Obstipation vorzubeugen, sowie Haloperidol oder Paspertin gegen die initiale Nausea. Zusätzlich empfiehlt er eine frühe telefonische Rückmeldung nach einigen Tagen, um Wirkung und Nebenwirkungen zu überprüfen und die Dosis gegebenenfalls anzupassen.

Bei komplexen Schmerzsyndromen können interventionelle Verfahren wie neurolytische Blockaden eine deutliche Linderung bringen. Ergänzend kommen palliative Massnahmen wie die analgetische Bestrahlung oder niedrig dosiertes Dexamethason zum Einsatz, das Appetit, Schmerzen und Symptome verbessern kann. Nebenwirkungen wie Soor, Unruhe/Schlaflosigkeit (Steroid-Psychose!) oder Ödeme müssen dabei berücksichtigt werden.

Vulnerables Zeitfenster für Infektionen

«Onkologische Therapien erhöhen das Risiko für neue Infektionen und die Reaktivierung chronischer Infektionen und schwächen die Immunantwort früherer Impfungen», erklärt der Referent. Vor einer Chemo- oder Radiotherapie empfiehlt er eine sorgfältige Anamnese zu Infektionen wie HSV, VZV oder Hepatitis, im Zweifelsfall begleitet durch eine Serologie.

Fehlende Grundimpfungen sollten idealerweise zwei Wochen vor Therapiebeginn nachgeholt werden. Hat man diese Zeit nicht, kann auch während der Therapie geimpft werden – mit Ausnahme von Lebendimpfstoffen. Drei Monate nach Abschluss der Therapie können Patienten erneut gegen dTpa-IPV, RZV und HBV geimpft werden, gegen MMR und Varizella zoster nach sechs Monaten. Auch saisonale Impfungen wie Influenza und SARS-CoV-2 empfiehlt Dr. Delaloye – «auch für Angehörige».