Medical Tribune
9. Feb. 2026Zuverlässige Prognose mit neuem Algorithmus

Wie gross ist das Pneumonie-Risiko nach einem Schlaganfall?

Eine Lungenentzündung gehört zu den häufigsten und gefährlichsten Folgen eines Schlaganfalls. Sie verlängert den Krankenhausaufenthalt, treibt die Kosten in die Höhe und erschwert die Rehabilitation erheblich. Um gefährdete Patienten frühzeitig zu identifizieren, haben Forscher einen neuen Algorithmus entwickelt. Dieser bewertet die körpereigenen Abwehrmechanismen und soll das Pneumonie-Risiko präziser vorhersagen.

Klinische Routine mit persönlicher Nähe: Eine Ärztin auskultiert die Lunge einer älteren Patientin zur Beurteilung der
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Bisher nutzen Ärzte zur Risikoeinschätzung Scores, die vor allem demografische und klinische Faktoren wie Alter, Geschlecht, Schlaganfallschwere oder Begleiterkrankungen berücksichtigen. Doch immer deutlicher zeigt sich: Ob eine Pneumonie entsteht, hängt massgeblich von den Schutzmechanismen des Körpers ab. Dazu gehören ein wirksamer Hustenreflex, eine intakte Schluckfunktion, ausreichende kognitive Fähigkeiten sowie ein guter Ernährungs- und Immunstatus.

Schutzmechanismen als Schlüssel

Vor diesem Hintergrund vermuteten Wissenschaftler um Jong Weon Lee von der Yonsei University in Seoul, dass sich das Pneumonie-Risiko besser vorhersagen lässt, wenn man diese Schutzmechanismen systematisch erfasst. Sie führten dazu eine prospektive Fall-Kohorten-Studie in einem koreanischen Krankenhaus durch. 328 Patienten mit ischämischem oder hämorrhagischem Schlaganfall und Schluckstörungen nahmen daran teil.

Alle Teilnehmer durchliefen standardisierte Untersuchungen: eine videofluoroskopische Schluckanalyse, einen modifizierten Hustenreflextest, Laboranalysen und eine kognitive Bewertung mittels Mini-Mental-Status-Test. Ein unabhängiger Arzt bewertete das Auftreten einer Pneumonie anhand der Mann-Kriterien.

In der Studie entwickelten 28 Teilnehmer innerhalb von vier Wochen nach dem Schlaganfall eine Pneumonie. Diese Patienten hatten dabei deutlich häufiger ein Tracheostoma, aspirierten häufiger und wiesen öfter Läsionen in beiden Hirnhemisphären auf im Vergleich zu den Probanden ohne Pneumonie. Ebenfalls auffallend: Die Patienten mit Pneumonie husteten deutlich seltener und hatten signifikant niedrigere Albumin-Spiegel, schlechtere Ergebnisse im Mini-Mental-Status-Test und niedrigere Gesamtlymphozyten. Hinsichtlich des Schlaganfall-Typs, der Lokalisationen oder klassischen Entzündungsmarkern wie Leukozyten, Neutrophile oder CRP gab es hingegen keine signifikanten Unterschiede.

Tracheostoma als wichtigster Einflussfaktor

Auf Basis der wichtigsten Risikofaktoren entwickelten die Forscher einen Vorhersage-Algorithmus. Mit einer Trefferquote von rund 93 % war dieser deutlich genauer als bisherige Modelle, die sich vor allem auf die klinische Bewertung stützen. Der zentrale Einflussfaktor war dabei das Vorliegen eines Tracheostomas: Während ein Drittel der Tracheostoma-Patienten eine Pneumonie entwickelte, lag das Risiko ohne Tracheostoma nur bei 5 %. Entscheidend war zudem die Husten­funktion: War der Husten kräftig, schützte dies selbst bei Tracheostoma vor einer Lungenentzündung. War der Husten hingegen schwach und zugleich die kognitive Leistungsfähigkeit eingeschränkt, erkrankte jeder zweite Betroffene an einer Pneumonie.

Auch bei Patienten ohne Tracheo­stoma spielte die Kombination mehrerer Faktoren eine wichtige Rolle. Lag keine Aspiration vor, war das Pneumonie-Risiko sehr gering. Trat jedoch eine Aspiration auf, hing das Risiko massgeblich vom Ernährungszustand ab: Über 60 % der Betroffenen mit Albumin-Spiegeln unter 3,5 g/dl entwickelten eine Lungenentzündung, während es bei normalem Albumin-Werten nur rund 10 % waren. Bemerkenswert war zudem, dass Alter und Geschlecht in dieser Untersuchung keine relevante Rolle für das Pneumonie-Risiko spielten.

Die Ergebnisse der Studie untermauern den hohen klinischen Nutzen dieses Vorhersagemodells. Hiermit lassen sich Hochrisikopatienten frühzeitig erkennen und gezielte Präventionsmassnahmen ergreifen.