Vitamin B12-Mangel und Hörverlust
Niedrige Vitamin-B12-Spiegel sind mit einer erhöhten Prävalenz von Hörbeeinträchtigungen assoziiert, wie eine aktuelle Übersichtsarbeit bestätigt. Hohe Homocystein-Spiegel und niedrige Folat-Konzentrationen dürften pathogenetisch eine Rolle dabei spielen.

Vitamin B12 (Cobalamin) ist an der Blutbildung, der Bildung von Myelinscheiden, der Zellteilung und der DNA-Synthese beteiligt. Darüber hinaus hat der essenzielle Nährstoff Bedeutung für den Energiestoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System. Denn über die Senkung des Homocystein-Spiegels dient Vitamin B12 auch dem Schutz der Blutgefässe.
Ein Vitamin B12-Mangel (< 200 pg/ml) hat somit weitreichende Folgen. In Hinblick auf das auditorische System kommt es zu einer beeinträchtigten Myelinisierung der Neuronen im Hörnerv sowie zu einem gestörten Zellstoffwechsel, der das Nerven- und Gefässsystem des Hörorgans gleichermassen betrifft.
Indische Forscher haben sich zum Ziel gesetzt, die vorhandene Evidenz zum Zusammenhang zwischen Vitamin-B12-Status und Hörbeeinträchtigungen zusammenzutragen und in einer systematischen Übersichtsarbeit auch die pathogenetischen Hintergründe zu beleuchten. Von insgesamt 612 Publikationen erfüllten neun Studien die Einschlusskriterien und wurden in die Analyse aufgenommen.
Niedriges Folat, hohes Homocystein
Die analysierten Studien umfassten unterschiedliche Studiendesigns und Populationen, darunter Kinder, Erwachsene mittleren Alters und ältere Personen sowie spezielle Gruppen wie Personen mit lärminduzierter Schwerhörigkeit oder sensorineuralem Hörverlust. In der Mehrzahl der Studien zeigte sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen niedrigen Serum-Vitamin-B12-Spiegeln und Hörbeeinträchtigungen. Insbesondere in den älteren Populationen korrelierten niedrige Vitamin-B12-Spiegel signifikant mit höheren Hörschwellen, vor allem im Hochtonbereich. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung eines optimalen Vitamin-B12-Spiegels bei älteren Menschen als potenziell beeinflussbaren Risikofaktor für altersbedingten Hörverlust. Aber auch bei sensorineuralem Hörverlust und altersunabhängigem Hörverlust vor dem 60. Lebensjahr zeigte sich eine konsistente Assoziation mit niedrigen Vitamin-B12-Werten.
Mehrere Studien wiesen darauf hin, dass niedrige Vitamin-B12-Spiegel mit erhöhten Homocystein-Werten und verminderten Folat-Konzentrationen einhergehen. Diese Konstellation wird als möglicher pathophysiologischer Mechanismus diskutiert, da eine Hyperhomocysteinämie vaskuläre Schäden und neuronale Dysfunktionen begünstigen, die auch das Innenohr und den Hörnerv betreffen können.
Bei Personen mit manifestem Vitamin-B12-Mangel wurde darüber hinaus eine Funktionsstörung der Cochlea beobachtet. Hinweise darauf zeigten sich etwa durch reduzierte otoakustische Emissionen, was auf eine eingeschränkte Funktion der äusseren Haarzellen hindeutet.
Die Autoren heben zusammenfassend die Bedeutung einer ausreichenden Vitamin-B12-Versorgung für den Erhalt der Hörgesundheit hervor. Denn Vitamin-B12-Mangel scheint insbesondere in Kombination mit Folatmangel und erhöhten Homocystein-Werten zur Entstehung oder Verschlechterung von Hörproblemen beizutragen.
Einige Studien zeigten, dass die Einnahme von Vitamin-B12-Präparaten zu geringfügigen Verbesserungen der Tinnitus-Symptome und der Hörschwellen führte, die Ergebnisse waren jedoch häufig nicht statistisch signifikant. Es herrscht weiterer Forschungsbedarf, um kausale Zusammenhänge herstellen zu können und den Nutzen therapeutischer Interventionen zu klären.
Rodrigues J et al. Exploring the Intricate Connection Between Vitamin B12 Deficiency and Hearing Loss: A Systematic Literature Review. Ear Nose Throat J. 2026; 105(2): NP162–NP170. doi: 10.1177/01455613241298070.
