Medical Tribune
9. Feb. 2026Gezielte Abklärung statt Zufallsdiagnostik

Die Schlafapnoe richtig erkennen

Schlafbezogene Atmungsstörungen sind häufig, potenziell lebensgefährlich und wahrscheinlich deutlich unterdiagnostiziert. An einem Vortrag erläuterte Dr. Alexander Turk, See-Spital Horgen, wie sich eine fundierte Risikoabschätzung mit einfachen Mitteln bereits in der haus- und fachärztlichen Praxis vornehmen lässt.

Mann mit Schlafapnoe im Spital
Andrey Popov/stock.adobe.com

Die Schlafapnoe ist kein Randphänomen: Im mittleren Alter liegt die Prävalenz bei geschätzten 6–9 % der Frauen und 17–31 % der Männer. Mit der Menopause ziehen die Frauen nach, der Geschlechterunterschied verschwindet weitgehend.

Unterschätzte Schlafapnoe

Doch das könnte die reale Zahl unterschätzen. In einer viel diskutierten Lausanner Kohortenstudie wies nahezu die Hälfte der untersuchten Männer einen Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) über 15 auf – ein Wert, ab dem in der Regel eine Therapie in Betracht gezogen wird. Einen AHI > 20 fanden die Forscher deutlich häufiger bei Personen mit gängigen Komorbiditäten – etwa Hypertonie, Diabetes, einem metabolischen Syndrom und Depression.

Auch die klinische Bedeutung der Erkrankung wird oft nicht hinreichend wahrgenommen. «Der wichtigste Mortalitätsfaktor bei der Schlafapnoe sind Unfälle, die nicht nur fatal für den Betroffenen ausgehen können», warnte Dr. Turk. Dahinter stecken oft Sekundenschlaf sowie eingeschränkte Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit. Personen in sicherheitsrelevanten Berufen wie Berufs­chauffeure, Lokführer oder Piloten sollte man daher besonders sensibel auf eine mögliche Schlafapnoe screenen.

Anamnese liefert oft schnell Hinweise

Doch wie lassen sich Personen mit einem potenziellen Schlafapnoe-Syndrom erkennen? Hier gibt es laut Dr. Turk gleich mehrere einfache Möglichkeiten, die Vortestwahrscheinlichkeit zu erhöhen, bevor der Patient ins Schlaflabor geschickt wird. Dazu gehört die Anamnese, die oft schnell Hinweise wie Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen liefert. Viele Patienten berichten zudem über Schnarchen, Atempausen, Erwachen, Erstickungsanfälle («choking episodes») und nicht erholsamen Schlaf, sowie Kopfschmerzen und Mundtrockenheit am Morgen.

Kein klassisches Leitsymptom ist hingegen die Insomnie; dennoch lohnt sich hier ein genauerer Blick: Bei der sogenannten COMISA (Comorbid Insomnia and Sleep Apnea) liegen beide Störungen gleichzeitig vor und beeinflussen sich gegenseitig. Das Krankheitsbild geht mit einem deutlich erhöhten kardiovaskulären Risiko einher. Betroffen sind häufig Frauen im mittleren Alter – liegt eine therapieresistente Insomnie vor, sollte man hellhörig werden. Sehr sinnvoll ist auch eine kurze körperliche Untersuchung, bei der Halsumfang, krikomentale Distanz («Doppelkinn»), Mallampati-Score (Uvula noch sichtbar oder nicht?), Gaumensegelgrösse, Tonsillengrösse sowie Zeichen einer Retrognathie erfasst werden.

Epworth Sleepiness Score ungeeignet

Eher kritisch sieht Dr. Turk hingegen weitverbreitete Screening-Tools wie den Epworth Sleepiness Score, der die Einschlafneigung evaluieren soll. Laut dem Referenten übersieht der Test viele Patienten: «Viele Betroffene haben sich lange an ihre Müdigkeit adaptiert. Sie merken es oft nicht mehr, wenn sie unbeabsichtigt einschlafen.» Auch der breiter angelegte STOP-BANG-Score sei nicht ideal. Als Alternative empfiehlt Dr. Turk den schnell durchzuführenden NoSAS-Score, der zwar ähnliche Parameter abfragt, aber eine höhere Sensitivität und Spezifizität für die Schlafapnoe hat. «Liegt der Score unter acht Punkten, ist die Wahrscheinlichkeit für eine behandlungsbedürftige Schlafapnoe sehr gering.»

Bei der instrumentellen Diagnostik ist die nächtliche Pulsoxymetrie beliebt. Diese ist für Dr. Turk allerdings lediglich für den Ausschluss von Schlafapnoen geeignet. «Eine unauffällige Messung spricht zwar klar gegen relevante Schlafapnoen, sobald der Befund pathologisch ist, wird es aber schwierig.» So könne ein Desaturationsindex von 10 oder 15 viel bedeuten – von milder Schlafapnoe bis zu Artefakten. Therapieentscheidungen lassen sich damit jedenfalls nicht treffen.

Respiratorische Polygrafie als Goldstandard

Deutlich aussagekräftigere Ergebnisse liefert die erweiterte Pulsoxymetrie mittels Geräten, die in der Praxis abgegeben werden und die Patienten in ihren Privaträumen anwenden können. Der «ApnoeLink» misst etwa zusätzlich zum Sauerstoff auch die Herzfrequenz, das Schnarchgeräusch, den Nasenfluss und Stressparameter. Ein solcher Test sei geeignet für «das Screening oder für einfachere Fälle», so Dr. Turk. Was allerdings fehlt, sei die Detektion von paradoxen Bewegungen von Thorax und Abdomen, die differenzieren kann, ob eine obstruktive oder zentrale Ursache hinter den Apnoen steckt.

Auch ob die Desaturation durch Apnoen oder Hypopnoen bedingt ist, lässt sich damit nicht beantworten. Für den Experten bleibt daher die respiratorische Polygrafie Goldstandard zur Apnoe-Diagnose. Bei der Polysomnografie werden zusätzlich noch die Schlafstadien bestimmt – denn besonders häufig finden Schlafapnoen in der REM-Phase statt, in der die Muskulatur entspannt ist. Kontaktlose Verfahren oder radarbasiertes Monitoring sind laut dem Experten spannend, aber noch nicht etabliert.

Ernste Komorbidität Schlafapnoe

Eine häufige Komorbidität ist die Schlafapnoe bei resistenter arterieller Hypertonie, Vorhofflimmern und nach Schlaganfall. Beim Vorhofflimmern empfehlen die Leitlinien mittlerweile, aktiv danach zu suchen, denn «schlafassoziierte Atemstörungen sind ein ideales Milieu für kardiale Arrhythmien», so Dr. Turk Allerdings funktionierten Schlaffragebögen in dieser Population schlecht. Auch nach einem Schlaganfall besteht eine hohe Apnoe-Prävalenz, die am Anfang meist zentral bedingt ist. Umgekehrt ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom ein unabhängiger Risikofaktor für einen erneuten Schlaganfall und Mortalität, sowie ein funktioneller und kognitiver Outcome-Parameter.

Therapeutisch bleibe die CPAP weiterhin Goldstandard, so Dr. Turk. Daneben spielen auch neuere Therapieformen wie Unterkiefer-Protrusionsschienen, positionsabhängige Therapien und die medikamentös gestützte Gewichtsreduktion eine wachsende Rolle.