Medical Tribune
20. Jan. 2026Funktionelle Bauchschmerzen in den Griff bekommen

Hypnotherapie gegen das Reizdarmsyndrom bei Kindern?

Weltweit leidet etwa jedes siebte Kind im Alter zwischen 4 und 18 Jahren unter abdominellen Beschwerden, die im Zusammenhang mit einer Darm-Hirn-Interaktionsstörung stehen. Trotz dieser hohen Prävalenz gibt es grosse Evidenzlücken in Bezug auf die Behandlung. Ein Gastroenterologe äussert sich zu Hypnotherapie, Pfefferminzöl und Probiotika.

Entspannung für Kinder
Anja Greiner Adam/stock.adobe.com

Chronische Bauchschmerzen und psychologische Komorbiditäten wie Angststörungen oder Depressionen beeinträchtigen die Lebensqualität von Kindern mit Reizdarmsyndrom und nicht anderweitig spezifizierten funktionellen Bauchschmerzen (FAP-NOS) erheblich. Es gibt zwar zahlreiche Therapieoptionen, aber für viele fehlen Studiendaten zum pädiatrischen Einsatz, erläuterte Prof. Dr. Marc­ Benninga­ vom Universitätsklinikum Amsterdam.

Seit Kurzem exisitert eine gemeinsame Leitlinie europäischer und nordamerikanischer Fachgesellschaften zur Behandlung von Reizdarmsyndrom und FAP-NOS bei 4- bis 18-Jährigen (1). Einen besonderen Stellenwert nimmt das Gespräch mit den betroffenen Familien ein. Der Referent bezeichnet die Erstberatung als «goldene Stunde der Möglichkeiten», die entscheidend für die gesamte weitere Behandlung sei. Inhaltlich geht es um die Benignität der Diagnose, die Auswirkungen des Lebensstils und anderer Trigger sowie mögliche Therapieansätze. Zudem sollte man das Zusammenspiel von Darm und Gehirn erklären.

Hypnotherapie kann auch heimbasiert stattfinden

Keine der in der Leitlinie genannten Behandlungsmöglichkeiten kommt über ein moderates Evidenzlevel hinaus. Zu den vorrangig empfohlenen Optionen zählt die Hypnotherapie. Sie überzeugt mit einer Number needed to treat von drei, so Prof. Benninga. Zur Durchführung ist nicht zwingend ein Therapeut erforderlich. Auch eine heimbasierte Hypnotherapie mit aufgezeichneten Übungen scheint einer randomisierten Studie zufolge Erfolg zu versprechen. Der Experte und sein Team arbeiten daher an der mehrsprachigen Website hypnosis4abdominalpain.com. Zudem gibt es zugelassene Apps zur kognitiven Verhaltens- und Hypnotherapie, wobei sich die Adhärenz bei diesen Methoden in Grenzen hält, so die Erfahrung von Prof. Benninga.

In vielen Leitlinien wird zu Pfefferminzöl geraten, auch das Expertengremium aus Europa und Nordamerika spricht eine Kann-Empfehlung aus. Der Evidenzgrad für den Einsatz bei Kindern mit Reizdarmsyndrom oder FAP-NOS ist jedoch gering. In einer eigenen randomisierten Studie mit fast 230 Patientinnen und Patienten zwischen 8 und 18 Jahren verglich der Referent Pfefferminzöl mit Placebo und – als dritten Arm – mit handelsüblichen Pfefferminzbonbons. In allen drei Gruppen zeigte sich eine ähnliche Erfolgsrate.

Unter dem Pfefferminzöl stellten 53 % der Eltern bei ihren Kindern eine adäquate Symptomlinderung nach acht Wochen fest (vs. 45 % bei Bonbons und 49 % bei Placebo). Das Öl wirke zwar nicht besser als Placebo, so das Fazit des Gastroenterologen. Dennoch spiele es eine Rolle in der Therapie, wenn andere effiziente Methoden fehlen. Die kostengünstigen Pfefferminzbonbons bezeichnete er als pragmatisches Placebo.

Studien sprechen für Nutzung des Placeboeffekts

Tatsächlich lässt sich der Placeboeffekt bei Kindern mit funktionalen gastrointestinalen Störungen nutzen. Ein systematisches Review mit Metaanalyse bezifferte die Placebo-Ansprechrate auf 41 %. Wie stark die Erwartungshaltung den Effekt prägt, verdeutlicht eine kürzlich veröffentlichte Studie der Arbeitsgruppe um Prof. Benninga mit vier Gruppen.

Ungefähr 270 Patienten im Alter von 12 bis 17 Jahren erhielten entweder das Spasmolytikum Mebeverin oder Placebo, aber nur der Hälfte wurde mitgeteilt, dass sie an einer verblindeten Studie teilnahmen. Den Übrigen wurde gesagt, sie bekommen Mebeverin – obwohl es bei ihnen ebenso einen Verum- und Placeboarm gab. Insgesamt führte das Spasmolytikum gegenüber Placebo zu keiner relevanten Reduktion der Bauchschmerzen.

Verglich man jedoch die Gruppen, denen die Arzneimitteltherapie versprochen worden war, mit den beiden verblindeten Gruppen, zeigte sich ein deutlich höherer Therapieerfolg. Prof. Benninga empfahl daher, den Placeboeffekt im Gespräch mit den jungen Betroffenen und ihren Familien mit Empathie und Ratschlägen zu verstärken.