Koloskopie: Früher, seltener, länger?
Weltweit steigen die Inzidenzen der Kolonkarzinome bei Jüngeren. Soll jetzt also schon früher koloskopiert werden? An einem Vortrag beleuchtet die Gastroenterologin Dr. Bigna Straumann-Funk, Bethanien Zürich, die aktuelle Evidenz und ordnet die geltenden Schweizer Empfehlungen praxisnah ein.

Aktuell wird weltweit ein Anstieg der Kolonkarzinom-Inzidenzen bei unter 50-jährigen beobachtet; gleichzeitig sinkt die Inzidenz bei den über-50-Jährigen. Letztgenannter Effekt lässt sich auf die Vorsorge zurückführen, wie Dr. Straumann-Funk im Zuge ihres Vortrags am FomF betont.
Hinter der Häufung der Tumoren bei den Jüngeren dürfte hingegen ein Geburtskohorteneffekt stecken. «Die Lebensrealität jüngerer Kohorten ist noch stärker als die von älteren Generationen von den Folgen des modernen Lebens geprägt. Darunter fallen etwa Bewegungsmangel, Adipositas, hochverarbeitete Lebensmittel und der breite Einsatz von Antibiotika», so die Expertin. Mittlerweile nimmt man an, dass diese Einflüsse über epigenetische Mechanismen sogar die Keimzellentwicklung beeinflussen könnten – mit Konsequenzen für nachfolgende Generationen.
Frühes Darmkrebs-Screening bringt oft wenig
Zumindest in den Vereinigten Staaten hat bereits ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Dort wurde das empfohlene Alter für die erste Vorsorgekoloskopie 2021 von 50 auf 45 Jahre gesenkt.
Für Europa und die Schweiz haben diese Entwicklungen allerdings bislang keine unmittelbaren Konsequenzen, berichtet Dr. Straumann-Funk. «Absolut betrachtet ist die Inzidenz bei den unter 50-jährigen mit rund 8 pro 100.000 nach wie vor gering». Zum Vergleich: Bei den über 50-Jährigen beläuft sich diese Zahl auf 100-200 pro 100.000.
Hinzu kommt, dass die zusätzlichen Darmkrebs-Fälle bei den unter 50-Jährigen nicht selten junge Patienten betreffen. Ein generelles Screening ab 45 Jahren würde diese Tumoren gar nicht erfassen. Entsprechend bleibt es bei der Empfehlung, ab 50 mit der Vorsorgekoloskopie zu beginnen.
Bei Jüngeren auf Risikofaktoren und Alarmsymptome achten!
Dennoch sollte man Karzinome bei Jüngeren keinesfalls übersehen. Das diagnostisch wichtigste Instrument ist dabei die Anamnese. Junge Menschen mit Kolonkarzinomen berichten überproportional häufig von Symptomen, die als «Red Flags» beim Darmkrebs gelten, allen voran von einer Hämatochezie. Verantwortlich ist die Lage der Tumoren in dieser Altersgruppe: Über 70 Prozent sind im linken Kolon lokalisiert, 30 Prozent sogar im Rektum.
Dr. Straumann-Funk warnt aus diesem Grund davor, Blutabgänge vorschnell als Hämorrhoiden zu interpretieren. «Gerade bei jungen Menschen mit Hämatochezie sollte immer eine Rektaluntersuchung erfolgen» so die Expertin. Lassen die Symptome trotz Hämorrhoidentherapie nicht nach, sollte zudem frühzeitig eine endoskopische Abklärung erfolgen – «Bei Alarmsymptomen ist eine Koloskopie immer zu empfehlen.»
Ein Drittel der jungen Darmkrebs-Erkrankten familiär vorbelastet
Auch familiäre und persönliche Risikofaktoren sollten bei jüngeren Patienten konsequent erfasst werden. Rund ein Drittel der jungen Betroffenen hat zumindest einen erstgradigen Verwandten mit einem Kolonkarzinom. In diesem Fall empfehlen die Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Gastroenterologie (SGGSSG) seit 2024, zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter des Angehörigen, spätestens aber mit 40 Jahren mit der Koloskopie zu starten.
Besondere Vorsicht gilt auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Bei bekannter Colitis ulcerosa oder Crohn-Colitis sollte die erste Koloskopie acht Jahre nach Symptombeginn durchgeführt werden. Die weiteren Intervalle richten sich nach dem Ausmass der Entzündung.
Neue Intervalle nach Polypektomie
Auch die Empfehlungen zur Nachsorge nach Polypenabtragung wurden 2022 überarbeitet. Bis 2021 zog ein Fund von mehr als zwei Adenomen oder fortgeschrittenen Läsionen eine erneute Kontrolle nach drei Jahren nach sich, bei kleineren Befunden nach fünf Jahren.
Neuere Daten zeigen aber, dass Patienten mit wenigen, kleinen, niedriggradigen Polypen kein erhöhtes Risiko haben, an einem Kolonkarzinom zu versterben, als Personen ohne Adenome. Diese Erkenntnisse führten 2022 zu einer Anpassung der Schweizer Leitlinien. Patienten mit weniger als fünf kleinen Adenomen gelten heute als «Low-Risk»: Für sie ist eine erneute Koloskopie erst nach zehn Jahren vorgesehen. Unverändert müssen hingegen Personen mit fortgeschrittenen Adenomen (≥ 1 cm, hochgradige Dysplasie) engmaschig mit einem Kontrollintervall von drei Jahren überwacht werden.
Ausgenommen von den Intervallverlängerungen sind Patienten mit positiver Familienanamnese, unzureichender Darmvorbereitung oder schlechter Untersuchungsqualität, erinnert Dr. Straumann-Funk.
Wann reicht es mit der Koloskopie?
Mehr Zurückhaltung fordert die Expertin beim Screening im höheren Alter. «Für mich ist das eigentlich die schwierigste Frage: Wann ist eigentlich genug mit der Koloskopie?»
In der Schweiz wurde die Kostenübernahme kürzlich von 69 auf 74 Jahre ausgeweitet, da die Datenlage klar zeigt, dass mehr als die Hälfte der Kolonkarzinome erst nach dem 70. Lebensjahr diagnostiziert werden. Für Personen über 75 Jahre gibt es dagegen kaum belastbare Evidenz.
Ab 86 Jahren oder bei einer Lebenserwartung von unter zehn Jahren ist die Vorsorgekoloskopie auch richtliniengemäss nicht mehr zu empfehlen. Denn nicht nur das Krebsrisiko, sondern auch die Risiken der Untersuchung steigen im Alter an. «Die Vorbereitung ist für ältere Patienten deutlich belastender als für jüngere. Bei ihnen sind Elektrolytverschiebungen, Stürze oder Delir aufgrund der Volumendepletion, oder Komplikationen durch die Intervention keine Seltenheit». Hinzu kommt das Problem der Überdiagnose: Autopsiestudien zeigen, dass rund ein Drittel der Verstorbenen Polypen aufweist –bis zu drei Prozent haben sogar Karzinome, die zu Lebzeiten nie klinisch relevant geworden wären.
Die Entscheidung für oder gegen eine Koloskopie bei einem älteren Patienten sollte laut der Gastroenterologin jedenfalls individuell erfolgen und auch familiäres Risiko, Komorbiditäten und Lebensstil miteinbeziehen. Zudem liefern Befunde früherer Koloskopien entscheidende Hinweise: «Wurde in den letzten zehn Jahren in einer adäquat durchgeführten Koloskopie nichts Relevantes gefunden, ist das Risiko, an einem Kolonkarzinom zu sterben, sehr gering.»
Vortrag von Dr. Bigna Straumann-Funk: «Timing Vorsorgekoloskopie: früher? Seltener? Länger?» am Allgemeine Medizin Update Refresher,12. – 15. November 2025, Zürich
