Die postpartale Angststörung erkennen
Ausgeprägte Sorgen, Ängste, Grübeleien und Panikattacken sind nach der Entbindung keine Seltenheit. Oft wird eine postpartale Angststörung jedoch nicht erkannt, die Betroffenen suchen selten Hilfe. Dabei liessen sich viele Fälle gut therapieren.

Eine Geburt erleben viele Frauen als freudigen Anlass. Mittlerweile ist allerdings bekannt, dass in den ersten Wochen und Monaten nach einer Entbindung auch das Risiko für psychische Erkrankungen erhöht ist.
So treten beispielsweise depressive Symptome, aber auch klinisch relevante Ängste häufiger auf. Im Extremfall können quälende Sorgen und Grübeleien, intrusive Angstgedanken, starke körperliche Unruhe und Schlafstörungen sogar zu einer erhöhten Suizidalität führen, schreibt ein Team um die Psychiaterin Dr. Natalie Feldman vom Brigham and Women’s Hospital, Boston. Für ihre Übersichtsarbeit wertete es 850 Studien aus.
Generalisierte Angststörung im ersten Jahr häufiger
Bis zu einem Jahr nach der Geburt leiden Frauen demnach deutlich häufiger unter Angststörungen als die Allgemeinbevölkerung. So liegt die globale Prävalenz der generalisierten Angststörung nach DSM-5 im Jahresverlauf bei 2,9 %, bei frischgebackenen Müttern liegt sie zwischen 4,4–8,2 %. Insgesamt schätzt das Autorenteam die Prävalenz für alle klinisch relevanten Angstzustände im ersten Jahr nach einer Entbindung auf 12,3 %.
Dass keine genaue Definition für eine postpartale Angststörung existiert, erschwert die Diagnose. Das Team um Dr. Feldman definierte daher Angstzustände als generalisierte Angststörungen, Zwangsstörungen, Phobien, Panikstörungen und nicht näher bezeichnete Angstzustände in der Zeit nach der Geburt.
Die Beschwerden wurden z. B. mithilfe der Postpartum Specific Anxiety Scale (PSAS) erfasst. Diese schliesst Sorgen um Gesundheit und Wohlbefinden des Neugeborenen ein, fragt aber auch nach Ängsten in Bezug auf die Beziehung zum Kind oder dem eigenen Wohlergehen. Zwangsstörungen kurz nach der Geburt zählten die Forscher zu den Angsterkrankungen, da sich Zwänge postpartal meist in Form intrusiver Gedanken äussern, die sich um mögliche Gefahren für das Baby drehen – häufig begleitet von zwanghaftem Checking-Verhalten.
Grundsätzlich ist das Risiko für eine postpartale Angststörung besonders hoch für Mütter im jüngeren Alter, nach der ersten Geburt und nach traumatischen Geburtserlebnissen. Auch nach Sectio treten Ängste häufiger auf. Als weitere Risikofaktoren identifizierten die Forscher u.a. Armut und häusliche Gewalt. Zur Nutzung assistierter reproduktiver Verfahren zeigte sich dagegen kein Zusammenhang.
Niedrige Prolaktinspiegel erhöhen das Risiko
Komplex ist die Assoziation zum Stillen und zur Bindung von Mutter und Kind. Ein geringes Gestationsalter und ein neonataler Aufenthalt auf der Intensivstation erhöhen die Gefahr. Niedrige Prolaktinspiegel begünstigen ebenfalls nachgeburtliche Angsterkrankungen. Ein ähnliches Verhältnis besteht möglicherweise zur Oxytoxin-Konzentration, dies ist aber noch nicht eindeutig belegt. Schlafstörungen sind nicht nur ein Symptom postpartaler Angstzustände, sie stellen auch einen eigenständigen Risikofaktor dar.
Unter den Betroffenen besteht häufig kein Bewusstsein für das klinische Ausmass ihrer Ängste, was die Erkennung erschwert. Frauen mit postpartaler Angst nehmen zudem seltener eine Behandlung in Anspruch als solche mit einer Wochenbettdepression, was dafür spricht, dass Angst noch stärker stigmatisiert ist.
Die Therapie erfolgt meist medikamentös, auch wenn es dazu bislang wenige Studien gibt. Die Autorengruppe fand gerade einmal fünf Arbeiten, die sich direkt mit dem Einfluss von Medikamenten oder interventioneller Psychiatrie befassten. Positive Effekte zeigten Sertralin, Zuranolon und wiederholte transkraniale Magnetstimulation. Die Ergebnisse zweier kleinerer Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine psychiatrische Medikation während der Schwangerschaft oder unmittelbar postpartal das Risiko für eine Verschlechterung nach der Geburt mindert.
Wirksame Therapieansätze und Bedeutung früher Intervention
Psychotherapeutisch liefert vor allem die kognitive Verhaltenstherapie positive Ergebnisse. Sie ist auch remote durchgeführt effektiv – was insbesondere kurz nach der Geburt oft eine attraktive Option darstellt. Eine reine Psychoedukation kann ebenfalls wirksam sein, die Effekte sind aber weniger eindeutig.
Vermehrter Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Neugeborenem fördert die emotionale Bindung und senkt Ängste. Auch eine Musiktherapie scheint wirksam zu sein, während das reine Musikhören oder das Vorsingen der Mutter für das Baby keinen nachweisbaren Effekt zeigte.
Die Autoren fordern, postpartale Ängste zu entstigmatisieren und ihrer Diagnostik und Therapie einen höheren Stellenwert beizumessen. Angststörungen nach der Geburt seien nicht nur weit verbreitet, sondern könnten nachweislich die Mutter-Kind-Beziehung und die Entwicklung des Babys beeinträchtigen. So zeigen Längsschnittstudien Auffälligkeiten beim Kind hinsichtlich Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und Verhalten auch nach dem ersten Lebensjahr.