Medical Tribune
3. Sept. 2014Harnwegsinfekten

Unkomplizierter Harnwegsinfekt: Scharf schiessen oder abwarten?

Die DEGAM hält in ihrer Leitlinie von 2009 bei unkomplizierten Harnwegsinfekten (HWI) einen Verzicht auf Antibiotika für vertretbar. Stattdessen könne die Patientin zunächst rein symptomatisch behandelt werden – z.B. mit Paracetamol oder Ibuprofen. Begründet wird diese Strategie vor allem mit einem günstigen Einfluss auf die Resistenzbildung, schreibt der Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin an der Universität Witten/Herdecke.

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) spricht sich dagegen dafür aus, jede Patientin mit unkompliziertem Harnwegsinfekt antibiotisch zu behandeln. Dieses Vorgehen gilt mittlerweile als internationaler Standard. Empfohlen wird es u.a. in den britischen Guidelines – es sei denn, die Patientin möchte auf eigenen Wunsch abwarten.

Arbeitsausfall teurer als die Therapie

Studien belegen, dass die Antibiotika im Vergleich zu Placebo die Krankheitsdauer verkürzen und die Symptome lindern. Als Mittel der Wahl empfiehlt die DGU für die Primärtherapie Fosfomycin (3 g als Einmalgabe) und Nitrofurantoin (zweimal täglich 100 mg für drei bis fünf Tage), wobei Unverträglichkeiten und Kontraindikationen zu beachten sind.

So darf Fosfomycin nicht bei Patienten mit einer GFR < 80 ml/min verordnet werden. Amoxicillin/Clavulansäure, Cefuroxim und Fluorchinolone gelten als Reservemittel und bleiben schweren Infektionen vorbehalten.

Monotherapie mit Trimethoprim nicht obsolet

Die DEGAM-Leitlinie empfiehlt primär eine Monotherapie mit Trimethoprim, von dem die Urologen angesichts einer Resistenzrate von 25–30 % abraten. Dem halten die Allgemeinmediziner entgegen, dass nach wie vor gute Erfolge mit dem Medikament erzielt werden könnten. Auch Prof. Sönnichsen hält eine Monotherapie mit Trimethoprim für gerechtfertigt.

Eine mögliche Resistenzentwicklung vor allem von E. coli ist unter Nitrofurantoin und Fosfomycin vernachlässigbar, zumal die Substanzen bei anderen schweren Erkrankungen nicht eingesetzt werden, erklärte der Kollege.

Und aus gesundheitsökonomischer Sicht bestehen ebenfalls keine Bedenken Antibiotika beim unkomplizierten HWI zu geben. Die Erkrankung und die damit einhergehende Arbeitsunfähigkeit würden deutlich mehr zu Buche schlagen als die 
Therapiekosten.

Ohne Antibiotikum einen Tag länger leiden

Fehlt noch die Patientenpräferenz. Spricht sich eine Frau gegen den sofortigen Antibiotikaeinsatz aus, scheint Abwarten durchaus vertretbar, meint der Kollege. Allerdings sollte man die Patientin darauf hinweisen, dass sich die Symptomatik ohne Keimkiller um rund ein bis anderthalb Tage verlängern kann. Ob Ibuprofen bei der Symptomkontrolle einer Antibiotikagabe 
möglicherweise ebenbürtig ist, wird derzeit in einer grossen Studie untersucht.

Quelle: Andreas Sönnichsen, Z Allg Med 2014; 90: 243–245