Medical Tribune
22. Sept. 2014Das Hormon-Kontrazeptivum schützt familiär Belastete vor Krebs

Zu viele Vorurteile gegen die Pille!

Wenn Mädchen und Frauen der Verhütungsmethode "Pille" ambivalent gegenüberstehen, wirkt sich dies ungünstig auf die Einnahmezuverlässigkeit aus. Leider tragen auch manche Ärzte zu den Zweifeln bei, indem sie aufgrund mangelnder Information von der hormonellen Kontrazeption abraten, kritisiert Professor Dr. J. Matthias Wenderlein von der Universitätsfrauenklinik Ulm.1 Statt die Furcht vor Krebs und Thrombosen zu schüren, sollten sie lieber unbegründete Ängste ausräumen, fordert der Kollege.

Krebsschutz schon nach fünf Jahren nachweisbar

Bereits vor fünf Jahren hat eine Beobachtungsstudie mit Daten von knapp 340 000 Frauenjahren "ohne Hormoneinnahme" und annähernd 750 000 Frauenjahren "mit Pille" ergeben, dass Pillennutzerinnen ein signifikant geringeres Risiko für maligne Erkrankungen, einschliesslich Gebärmutter-, Rektum- und Eierstockkrebs, tragen. Je länger die Einnahme der oralen Kontrazeptiva (OC) währte, umso höher fiel der Krebsschutz aus. Abschliessend bewerteten die Studienautoren die Pille als "vorteilhaft für das öffentliche Gesundheitswesen".

Wer jungen Frauen, die von Gyn-Tumoren in der Familienanamnese berichten, von oralen Kontrazeptiva abrät, betreibt Fehlinformation, konstatiert Prof. Wendlein. Eine Metaanalyse von Kohorten- und Fallkontrollstudien errechnete ein deutlich reduziertes Risiko für das Ovarialkarzinom, den Genitalkrebs mit der schlechtesten Prognose.

Pro fünf Jahre Pilleneinnahme sank das Risiko um je 20 %, so die Daten. Epidemiologische Studien an rund 100 000 Frauen ergaben, dass die Anwendung oraler Kontrazeptiva über zehn Jahre das Ovarialkarzinom-Risiko halbierte. Auch BRCA1/2-belastete Patientinnen profitierten, betonte Prof. Wenderlein. Frauen vom Krebsschutz durch die Hormone zu überzeugen, gelingt am besten, wenn sie bereits Zeuge eines qualvollen Todesfalls durch Eierstockkrebs in der Familie oder im Bekanntenkreis geworden sind, so die Erfahrung des Experten.

Gesundheits-Profit nur für Gebildete?

An den Kosten von ca. 13 Euro im Monat kann es nicht liegen. Dennoch profitieren sozial besser Gestellte gesundheitlich in höherem Mass von hormoneller Antikonzeption: Frauen mit Abitur nutzen orale Kontrazeptiva doppelt so häufig wie Hauptschul-Abgängerinnen. Ärzte sind besonders gefordert, diese Unterschiede auszugleichen – und damit auch nicht zuletzt viele ungewollte Teenager-Schwangerschaften zu verhindern.

Auch die 2011 publizerten prospektiven EPIC*-Daten – erhoben bei über 320 000 Frauen aus zehn europäischen Staaten – bestätigten, dass Pillen-Nutzung über zehn Jahre das Risiko für ein Ovarialkarzinom halbiert. Für Frauen mit erblicher Malignombelastung besteht jedoch ein wesentlich grösserer OC-Nutzen. Dies muss man explizit mitteilen, fordert Prof. Wendlein.

BRCA-Belastung kein Grund zum Pillenverzicht

Immer wieder war in Fach- und Laienkreisen von einem geringfügig erhöhten Brustkrebsrisiko durch OC die Rede. Insgesamt bestätigte jedoch keine der langfristigen prospektiven Kohortenstudien das vermehrte Auftreten von Mammakarzinomen unter der Pille. Dies gelte es den Frauen mit BRCA-Belastung, die die erhöhte Malignomgefahr durch Hormone besonders fürchten, ebenfalls ausführlich darzulegen.

Protektive Effekte der hormonellen Kontrazeption betreffen darüber hinaus auch nicht gynäkologische Tumoren. Ein vor wenigen Monaten publizierter aktueller Review2 ermittelte – abgesehen von einem verminderten Risiko für Endometrium-Krebs (OR 0,57) – eine signifikant reduzierte Inzidenz von Kolorektal-Karzinomen (OR 0,86).

Insgesamt besteht nach aktuellem Wissensstand keine erhöhte Gesamtmortalität unter Pillennutzerinnen. In einem britischen Vergleich lag die Sterblichkeit unter Frauen mit OC-Gebrauch sogar um ein Fünftel niedriger, berichtet Prof. Wenderlein.

Jede Dritte vergisst die Pille

Im Verhütungsreport 2012 wird berichtet, dass in Deutschland jede dritte Frau die Pille mindestens einmal im Monat vergisst – mit Folgen. Noch immer wird laut Verhütungsreport in Deutschland jede zehnte Frau mindestens einmal im Leben ungewollt schwanger. Informationsdefizite gelten als ein wichtiger Grund: So wissen die meisten Frauen z.B. nicht, dass Spermien mehr als drei Tage im weiblichen Körper überleben können und eine Befruchtung je nach Zykluslänge theoretisch sogar während der Periode möglich ist.

*Epidemiological Studies of Ovarial Cancer

Quelle: 1. J. M. Wenderlein, ÄP Gynäkologie 2013; 6: 17-19 2. J.M. Gierisch et al., Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2013 Nov; 22(11): 1931-43.