Medical Tribune
1. Apr. 2014Blutdruckmessung

Hochdruck-Therapie hat sich verändert

Die neuen Leitlinien der European Society of Hypertension (ESH) und der European Society of Cardiology (ESC)1 unterscheiden sich in einigen Aspekten von der Vorversion aus dem Jahr 2007. Von "the lower, the better" hat man Abstand genommen, berichtete Professor Dr. Thierry Gillebert von der Universität Ghent, das einheitliche Ziel heisst nun < 140/90 mmHg.

Ausnahmen gelten unter anderem für Diabetiker (diastolischer Wert < 85 mmHg). Bei Senioren über 80 Jahre tolerieren die Experten dagegen auch höhere systolische Werte (zwischen 140 und 150 mmHg).

Allgemeinmassnahmen bei hohen normalen Blutdruckwerten

Was die Therapie angeht, so spricht man bei hoch normalen Werten (130–139/80–89 mmHg) Allgemeinmassnahmen wie Gewichtsreduktion, Begrenzung von Salz- und Alkoholkonsum, Bewegung und Rauchverzicht eine grosse Bedeutung zu. Bei höheren Werten gilt es,
 schnellstmöglich Antihypertensiva einzusetzen.

Bezüglich der unterschiedlichen Antihypertensiva-Klassen haben die Kollegen keine starren Therapieschemata festgelegt. Die Auswahl soll individuelle Aspekte bei jedem Patienten – darunter Begleiterkrankungen und kardiovaskuläres Gesamtrisiko – berücksichtigen, um Endorganschäden und kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern.

Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems, also ACE-Hemmer und Sartane, entfalten beispielsweise besonders günstige Wirkungen bei Patienten mit Proteinurie und Dia­betes mellitus. Betablocker bieten sich zudem an bei gleichzeitiger Herzinsuffizienz.

Ruhig früh kombinieren – der Therapieerfolg steigt

In den meisten Fällen genügt eine antihypertensive Monotherapie allerdings nicht, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Leidet ein Patient unter einer schweren Hypertonie oder trägt er ein hohes kardiovaskuläres Risiko, raten die Leitlinien-Experten, bereits frühzeitig zwei Wirkprinzipien zu kombinieren. Dies steigert den Therapieerfolg und bedingt darüber hinaus – vor allem bei Verwendung von Fixkombinationen – eine bessere Compliance.

Selbstmessung soll die Diagnose bestätigen

Neue Informationen enthält die Leitlinie auch in puncto Diagnostik: Die häusliche Eigenmessung liefere eine Fülle von Werten ausserhalb der medizinischen Umgebung und habe damit eine hohe Aussagekraft, heisst es.

Studien, bei denen 24-Stunden-Messungen mit Eigenkontrollen der Patienten verglichen wurden, zeigten, dass die häusliche Blutdruckmessung eine ebenso gute prognostische Signifikanz besitzt. Die Praxismessung bleibt für das "Aufdecken" der Diagnose Hypertonie von zentraler Bedeutung, so die Leitlinien-Experten, die Bestätigung der Diagnose sollte aber im häuslichen Bereich des Patienten erfolgen. Selbstkontrolle und 24-Stunden-Messung werden nicht mehr kompetitiv, sondern komplementär gesehen.

Gewürdigt wird in den ESH/ESC-Guidelines nun auch die prognostische Relevanz der Weisskittelhypertonie und maskierten Hypertonie. Je nach kardiovaskulärem Begleitrisiko stellen beide "Wechsel-Hypertonien" eine Indikation zur Gabe von Antihypertensiva dar.

Wie soll die häusliche Messung aussehen?


Patienten sollen den Blutdruck zu Hause an mindestens drei bis vier – im besten Fall sieben – Tagen zweimal morgens und zweimal abends im Sitzen messen. Die Analyse ergibt sich aus dem Durchschnitt der Werte, der erste Tag wird dabei ausgeschlossen.

Quelle: European Society of Cardiology - Kongress 2013 in Amsterdam

1. Guiseppe Mancia et al., J Hypertens 2013; 31: 1281–1357