Medical Tribune
12. Apr. 2013Die chronische Migräne

Botulinumtoxin vermindert Kopfschmerztage

Die chronische Migräne ist definiert durch Kopfschmerzen an mindes­tens 15 Tagen pro Monat. An acht Tagen müssen diese Kopfschmerzen migräneartig sein, d.h. einseitig auftreten, als pulsierend empfunden werden, von Übelkeit oder Lichtscheu begleitet sein und/oder sich bei körperlicher Aktivität verstärken. In der Anamnese findet sich immer eine episodische Migräne, so Professor Dr. Hans-Christoph Diener, Neurologische Universitätsklinik Essen.

Die chronische Migräne erfordert ein multimodales Therapiekonzept mit Lebensstiländerung, Verhaltenstherapie und Medikamenten. Wie Professor Dr. Wolfgang Jost von der Neurologischen Abteilung der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden ausführte, ist Botulinumtoxin A seit September 2011 für jene Patienten mit chronischer Migräne zugelassen, die auf prophylaktische Medikation unzureichend angesprochen haben. "Zwei andere Substanzen sollte man vorher probiert haben", meinte Prof. Jost.

Zwei Drittel der Migräne-Patienten sprechen gut auf Botulinumtoxin an

Gemäss der Zulassung spritzt man alle zwölf Wochen 155–195 E Botulinumtoxin A beidseits in sieben definierte Muskelbereiche in Kopf und Hals. Wie Prof. Jost aus seiner Erfahrung berichtete, sollte man am Anfang lieber nicht über 155 E hinausgehen, damit keine Paresen induziert werden. Etwa zwei Drittel der Patienten sprechen gut auf die Therapie an.

Der Wirkmechanismus ist noch ungeklärt. Bisher konnten auch keine prädiktiven Faktoren für eine gute Response identifiziert werden, bedauerte Prof. Diener. Wenn die ersten beiden Zyklen nichts gebracht haben, macht es keinen Sinn, die Therapie fortzusetzen.

Botulinumtoxin: langfristiger Effekt auf Kopfschmerzen

Bei den Patienten, die gut ansprechen, genügen im Verlauf häufig 100 E. Manche benötigen nach ein bis zwei Jahren überhaupt kein Botulinumtoxin mehr, weil ihre Migräne durch die Therapie sozusagen auf "episodisch" zurückgestellt wurde. "Behandeln Sie Patienten aber nur im Rahmen eines integrierten Therapiekonzepts mit Botulinumtoxin", mahnte Prof. Diener.

Basis der Zulassung von Botulinumtoxin A war ein Studienprogramm, an dem 1384 Patienten mit chronischer Migräne teilnahmen. Die gepoolte Auswertung der beiden Teilstudien PREEMPT I und II ergab, dass die Zahl der Kopfschmerztage in der Botulinumtoxin-Gruppe innerhalb von 24 Wochen von 19,9 auf 11,5 und in der Placebogruppe von 19,8 auf 13,2 Tage abnahm.

Trotz des erheblichen Placeboeffekts war der Unterschied statistisch signifikant. In der offenen Verlängerungsphase der Studie, in der alle Patienten Botulinumtoxin erhielten, nahm der Effekt zu. Die Patienten der ehemaligen Placebogruppe holten den Vorsprung der ehemaligen Verumgruppe allerdings nicht mehr ganz auf.

Migräne: Spritzentherapie wirkt auch bei Arzneiübergebrauch

Wie Prof. Diener weiter ausführte, hat eine präspezifizierte Subgruppenanalyse gezeigt, dass Patienten mit Medikamentenübergebrauch (zwei Drittel aller Patienten) genauso profitierten wie Patienten ohne. Die Hälfte dieser Patienten hat die Einnahme der Akutmedikation soweit reduziert, dass die Kriterien für Übergebrauch nicht mehr erfüllt waren.

Quelle: 4. Botulinumtoxin-Kongress, München, 2013