Medical Tribune
14. Juni 2013Mehr Sport und körperliche Bewegung

Statt Medikamenten Sport verordnen

Das Ausmass an körperlicher Inaktivität hat eine US-Metaanalyse aus dem letzten Jahr gezeigt: Im Mittel verbringen die Menschen täglich 7,7 Stunden "inaktiv sitzend". Wird der Schlaf hinzugenommen, sind das 75 % des Tages. Auch die Deutschen sind eher Bewegungsmuffel: Nur etwa die Hälfte der Bundesbürger treibt mindestens einmal in der Woche Sport. Wöchentlich 2,5 Stunden sind es nur bei etwa einem Viertel der Männer und bei 15 % der Frauen, berichtete der niedergelassene Internist, Professor Dr. Herbert Löllgen aus Remscheid.

Moderate sportliche Betätigung hat grösste gesundheitliche Effekte

Doch was lässt sich durch vermehrte körperliche Aktivität erreichen? Nach einer Metaanalyse von vier grossen Studien würde bei regelmässiger Bewegung die Gesamtsterblichkeit um 22 bis 34 % und die kardiovaskuläre Sterblichkeit um 27 bis 35 % sinken. Die positive Wirkung setzt bereits bei relativ moderater Bewegung ein. Am grössten ist der Gewinn, wenn absolute Sesselhocker sich erstmals zu gemässigtem Sport aufraffen. Die Steigerung von moderater auf intensive Aktivität ist hingegen wesentlich weniger effektiv.

Senkung der Mortalitätsrate

Für zahlreiche Parameter (s. Kasten) ist eine Verbesserung durch körperliche Aktivität gezeigt worden. Insgesamt führt dies mit einem (Evidenzgrad von 1I A) zu folgenden Veränderungen:

  • Reduktion der Sterblichkeit
  • geringerer Morbidität
  • Verbesserung der Lebensqualität und mehr Autonomie bei älteren Menschen
  • Zunahme von Wohlgefühl, Belastbarkeit, Fitness und kognitiven Fähigkeiten

Dies gilt auch für bereits Erkrankte. So wird die kardiovaskuläre Mortalität bei KHK-Patienten durch Training um 39 % gesenkt. Bei stabiler KHK sind körperliche Aktivitäten einer Dilatation und Stent-Implantation überlegen. Ebenso profitieren die früher zur Schonung und Bettruhe angehaltenen Patienten mit Herzinsuffizienz: Belegt ist eine Senkung der Mortalität um 35 % und eine deutliche Verbesserung der Ejektionsfraktion. Risikosenkung für Hypertonie Und was kann ein vermehrte Aktivität gegen Bluthochdruck ausrichten? Kinder und Jugendliche, die mehr als zweimal pro Woche Sport treiben, haben ein deutlich geringeres Risiko, später einen Hochdruck zu entwickeln. 

Risikosenkung für Hypertonie

Und was kann ein vermehrte Aktivität gegen Bluthochdruck ausrichten? Kinder und Jugendliche, die mehr als zweimal pro Woche Sport treiben, haben ein deutlich geringeres Risiko, später einen Hochdruck zu entwickeln. 

Körperliche Aktivität bessert viele Parameter

  • Muskelfunktion
  • Leistungsfähigkeit (Gehstrecke, Sauerstoffaufnahme)
  • Herz- und Gefässfunktion
  • Herzfrequenz
  • Blutdruck und endothelabhängige
  • Vasodilatation
  • Glukoseprofil
  • Lipidprofil
  • Körpergewicht

Bei bereits bestehender Hypertonie lässt sich durch körperliche Aktivität eine Abnahme des systolischen Blutdrucks um etwa 4-8 mmHg erzielen. Durch intensives Training sinkt die Mortalität um 57 %, und bei leichterer Bewegung (< 30 min/d) um 21 %. Solche Werte sind noch für kein Medikament gezeigt worden, meinte Prof. Löllgen.

Diabetes- und pAVK- Patienten profitieren

Auch Patienten mit Diabetes mellitus profitieren vom Sport. In zahlreichen Studien wurde der Erfolg von Lebensstil-Intervention bei Typ-2-Diabetes belegt: Die Mortalität nimmt um 40 % ab und die kardiovaskuläre Mortalität um 39 %. Ähnlich günstige Effekte sind von der pAVK bekannt, bei der Gehtraining ohnehin eine Hauptsäule der Therapie darstellt. So zeigte sich bei pAVK-Patienten, dass körperliche Aktivität der Dilatation plus Stent überlegen war.

Sogar Symptome einer Krebserkrankung bessern sich

Ebenfalls gut belegt sind positive Effekte bei Nieren-, Lungen- und Tumorerkrankungen. Ein wöchentliches Spaziergehpensum von sieben Stunden führte zu positiven Effekten: Die Rezidivrate z.B. beim Kolonkarzinom sank um 40 % und bei anderen Krebserkrankungen besserten sich die Symptome, z.B. Fatigue, deutlich. 

Evidenz-basierte Indikationen für körperliches Training

  • KHK (Primär- und Sekundärprävention): Evidenzgrad I A
  • Hypertonie (- 4 bis 8 mmHg): I A
  • Herzinsuffizienz (EF-Anstieg): I A
  • Krebs (Dickdarm, Mamma, Fatigue): I A
  • Prostatakarzinom: II B
  • Metabolisches Syndrom, Diabetes mellitus: I A
  • Osteoporose: I A
  • pAVK: I A
  • Chronische Bronchitis: I A
  • Depressionen: I B
  • Kognitive Funktion: I B
  • Demenz, Alzheimer: I B
  • Neurologische Erkrankungen (Parkinson u.a.): I A
  • Schlaganfall (Prävention, Therapie): I A
  • Sturzneigung: I A

Quelle: 37. Interdisziplinäres Forum der Bundesärztekammer "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin"