Medical Tribune
8. Jan. 2024Schwangerschaftsdiabetes ist kein «halber» Typ-2-Diabetes

Gestationsdiabetes hat einzigartige genetische Ursachen

Die bisher grösste Genstudie zum Gestationsdiabetes (GDM) hat neun neue Regionen aufgedeckt, die mit der häufigen Schwangerschaftskomplikation im Zusammenhang stehen. Erstaunlich ist dabei, dass sich die identifizierten Muster teils stark vom Typ-2-Diabetes unterscheiden.

Der Gestationsdiabetes ist nur bedingt mit dem Typ-2-Diabetes verwandt.
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Frauen mit einem Gestationsdiabetes (GDM) in der Vorgeschichte haben ein deutlich erhöhtes Risiko für einen späteren Typ-2-Diabetes: Über ein Drittel erkrankt innerhalb von 15 Jahren nach der Diagnose.

Unter anderem aus diesem Grund nahm man bis jetzt an, dass die beiden Diabetestypen auch gemeinsame genetische Ursachen haben. Eine neue Studie, die nach neuen Risikogenen für den Gestationsdiabetes und Typ-2-Diabetes suchte, stellt das nun in Frage (1).

Fünf der neuen Loci haben nichts mit Typ-2-Diabetes zu tun

Die bisher grösste genomweite Assoziationsstudie (GWAS) zum Schwangerschaftsdiabetes untersuchte dabei Teilnehmerinnen aus einem finnischen Gesundheitsregister. Insgesamt 12.332 Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes und 131.109 Diabetes-freie Frauen waren eingeschlossen.

Im Zuge der Studie identifizierte das finnisch/US-amerikanische Forscherteam insgesamt 13 Gen-Loci, die mit dem Gestationsdiabetes in Zusammenhang stehen – davon waren neun bislang völlig unbekannt.

Erstaunlich war, dass sich viele der gefundenen Merkmale vom Typ-2-Diabetes unterschieden. So standen fünf der entdeckten Loci in keinem Zusammenhang mit vergleichbaren Daten zum Typ-2-Diabetes.

Gestationsdiabetes

Ein Gestationsdiabetes tritt jährlich weltweit bei mehr als 16 Millionen Schwangerschaften auf. Besonders in den letzten 15 Jahren hat der Anteil der Schwangeren mit Gestationsdiabetes deutlich zugenommen.

Beim Gestationsdiabetes ist der Blutzucker erhöht, obwohl vor der Schwangerschaft kein Diabetes bekannt war. Die Ursachen sind aktuell noch schlecht erforscht.

Mütter können ihr Risiko, später einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, unter anderem durch Stillen deutlich senken. Und auch das erhöhte Risiko für Übergewicht und Diabetes, das die Kinder von Müttern mit Diabetes haben, kann durch Stillen im ersten Lebensjahr reduziert werden.

«Einzigartige genetische Grundlage»

Die Forscher schlussfolgern, dass der Gestationsdiabetes eine einzigartige genetische Grundlage hat, die sich teilweise von der des Typ-2-Diabetes unterscheidet. «Das stellt frühere Annahmen über die gemeinsamen genetischen Grundlagen der beiden Erkrankungen in Frage», erklärt Dr. Elisabeth Widén vom Institute for Molecular Medicine Finland (FIMM) der Universität Helsinki, die die Studie leitete.

Die Autoren vermuten, dass vor allem Prozesse Gehirn eine Rolle beim Schwangerschaftsdiabetes spielen. So beobachteten sie eine Assoziation mit bestimmten Gehirnzelltypen nur beim Gestationsdiabetes, aber nicht beim Typ-2-Diabetes. Dazu gehören etwa hypothalamische und arcuate (ARC-)Neuronen, die für ihre Funktion bei der Insulinantwort während der Schwangerschaft bekannt sind.