Medical Tribune
6. Feb. 2013Diabetesinzidenz

Diabetikerinnen werden oft untertherapiert

Der Zusammenhang zwischen Adipositas, insbesondere der abdominellen Form, und Diabetesinzidenz gilt für beide Geschlechter gleichermassen, erklärte Professor Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger vom Klinikum Bogenhausen des Städtischen Klinikums München. Aktuellen Daten zufolge schleppen mittlerweile 75 % der Männer und fast 60 % der Frauen zu viele Pfunde mit sich herum – Tendenz steigend. Besorgnis erregt vor allem die wachsende Prävalenz von Übergewicht und anderen kardiovaskulären Risikofaktoren in den jüngeren Altersgruppen.

Besonders bei jüngeren Frauen zwischen 20 und 40 Jahren steigt der Anteil derer steil an, die bereits ein metabolisches Syndrom aufweisen. "Frauen mit metabolischem Syndrom haben unabhängig vom menopausalen Status ein vier- bis sechsfach erhöhtes kardiovaskuläres Risiko", betonte die Diabetologin.

Adipositas hebelt hormonelle Vorteile aus

Die abdominelle Adipositas hebelt auch die Vorteile aus, die Frauen bis zur Menopause hinsichtlich kardiovaskulärer Komplikationen haben, so Prof. Schumm-Draeger. Denn bei übergewichtigen Frauen findet sich eine ungünstige Verteilung von Östrogen-alpha- und -beta-Rezeptoren; in der Folge steigt der Blutdruck aufgrund arterieller Vasokonstriktion und es entsteht eine subklinische Inflammation. Beides fördert arteriosklerotische Prozesse.

Hinzukommt das höhere Lebenszeitrisiko von Frauen, einen Diabetes zu entwickeln. US-Daten ermitteln bei Männern seit Anfang der 1970er-Jahre einen deutlichen Rückgang der Gesamtmortalität, besonders ausgeprägt ist dieser unter Diabetikern. Bei Frauen war ein solcher Effekt nicht zu beobachten, für Diabetikerinnen zeigte sich in den letzten 20 Jahren sogar ein Anstieg der Sterblichkeit.

Frauen mit akutem Herzinfarkt sind oft Diabetikerinnen

Alarmierende Daten kommen auch aus Deutschland: Das DIG-Register (Diabetes in Germany) hat rund 4000 Diabetiker vier Jahre lang prospektiv begleitet. Praktisch alle zusätzlichen Risikofaktoren – ob Hypertonie, Dyslipidämie oder Übergewicht – waren bei Frauen stärker ausgeprägt. Und eine gerade erst auf dem Europäischen Diabetes-Kongress präsentierte Studie ergab, dass sich unter Frauen mit akutem Herzinfarkt noch mehr Diabeteskranke finden als unter ihren männlichen Leidensgenossen. Ausserdem beschert die Stoffwechselstörung den Infarkt-Patientinnen ein deutlich erhöhtes Sterberisiko.

Es gibt aber auch in der Ausprägung des Diabetes mellitus Unterschiede zwischen den Geschlechtern, betonte die Referentin: So haben Frauen häufiger eine gestörte Glukosetoleranz mit ausgeprägten postprandialen Blutzuckerspitzen, während Männer eher einen erhöhten Nüchternzucker als Zeichen der gesteigerten hepatischen Glukoneogenese aufweisen.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren auch bei Frauen beachten!

Die Vorstellung, Frauen seien schon allein durch ihr Geschlecht kardiovaskulär weniger gefährdet als Männer, ist offensichtlich falsch. Geschlechtsspezifische Faktoren beim Diabetes und beim kardiovaskulären Risiko sollten stärker als bisher berücksichtigt werden, forderte die Referentin. Es darf nicht sein, dass Risikokonstellationen bei Diabetikerinnen weniger intensiv diagnostiziert und therapiert werden, selbst dann noch, wenn die Patientin bereits eine koronare Herzkrankheit hat.

Quelle: GiM-Symposium "Gendermedizin 2012,  Institut für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité und der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin in Kooperation mit dem Deutschen Herzzentrum Berlin