Medical Tribune
22. Mai 2024Besser hören und sprechen mit DFNB9

Gentherapie für Patienten mit angeborener Taubheit?

Eine neue Studie aus China gibt Hoffnung auf eine Gentherapie zur Behandlung von mutationsbedingter angeborener Taubheit.

Eine Gentherapie könnte die Behandlung der mutationsbedingten Taubheit stark verbessern.
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Weltweit sind etwa 26 Millionen Menschen von kongenitaler Taubheit betroffen, wobei in etwa 60% der Fälle genetische Ursachen vorliegen.

Eine dieser erblichen Taubheiten ist die autosomal-rezessive Erkrankung DFNB9, die auf einer Mutation des Otoferlin-Gens (OTOF) beruht. Das OTOF-Protein spielt eine wichtige Rolle bei der Übertragung von Geräuschsignalen vom Ohr zum Gehirn. Die Mutation führt bei den Betroffenen zu einem schweren bis vollständigen beidseitigen Hörverlust, der zu Sprachentwicklungsstörungen führen kann.

Einmalige Injektion in die Cochlea über rundes Fenster

Bisher gibt es keine anerkannten Medikamente zur Behandlung erblicher Taubheiten. Eine Studie der Universität Shanghai hat nun eine Gentherapie zur Behandlung von DFNB9 untersucht (1). Das Forscherteam hat dazu sechs Kinder in die Studie aufgenommen. Alle Teilnehmer litten an beidseitiger Taubheit aufgrund mit einer Hörschwelle von über 95 dB in der Hirnstammaudiometrie. Zusätzlich mussten sie eine nachgewiesene biallele Mutation aufweisen.

Durch eine einmalige Injektion einer adenovirusassoziierten Version des humanen OTOF-Gens (AAV1-hOTOF) über das runde Fenster in die Cochlea wurde das Gen in die Kinder eingebracht. Die Nachbeobachtungszeit betrug 26 Wochen.

Hörvermögen verbesserte sich dank Gentherapie

Bei fünf der sechs Kinder verbesserte sich das Hörvermögen. Nach 26 Wochen konnte eine Reduktion der Hörschwelle um 40-57 dB festgestellt werden. Auch die Sprachwahrnehmung und die Fähigkeit zur normalen Konversation verbesserten sich. Es wurden keine dosislimitierenden Toxizitäten festgestellt und die meisten unerwünschten Nebenwirkungen waren geringfügig oder von kurzer Dauer.

Diese Studie ist die erste klinische Untersuchung, die eine Gentherapie zur Behandlung von DFNB9 untersucht hat. Besonders bemerkenswert ist, dass die Ergebnisse der Grundlagenforschung am Mausmodell erfolgreich auf den klinischen Einsatz bei Kindern übertragen werden konnten.

Die Autoren sind der Meinung, dass die Gentherapie eine neue Ära in der Behandlung der angeborenen Taubheit einleiten könnte. Seit der Entwicklung von Cochlea-Implantaten hatte es zuvor kaum Fortschritte gegeben. Allerdings sind weitere Studien mit einer grösseren Anzahl von Patienten und einer längeren Nachbeobachtungszeit erforderlich, um dies zu bestätigen.