Medical Tribune
23. Okt. 2023Anstieg der Inzidenz von Typ-1-Diabetes gibt der Virushypothese Auftrieb

Updates zu SARS-CoV-2 und Diabetes

Während der Coronapandemie ist die Inzidenz des Typ-1-Diabetes in die Höhe geschossen. Das rückt die Rolle von Virusinfektionen in der Pathogenese der Autoimmunerkrankung wieder in den Fokus. Auch wenn bislang kein kausaler Zusammenhang zwischen SARS-CoV-2 und Diabetes belegt werden konnte.

Mikroskopische Aufnahme des Covid-19 Coronavirus
Science Photo Library/NATIONAL INSTITUTES OF HEALTH
Einen kausalen Zusammenhang zwischen SARS-CoV-2 und erhöhter Diabetesinzidenz hat man bislang nicht gefunden.

Nach wie vor ist es schwer, den Zusammenhang zwischen einer Coronainfektion und dem Typ-1-Diabetes kausal zu belegen. Das liegt vor allem daran, dass bislang kein Krankheitsmechanismus zwischen SARS-CoV-2 und Diabetes gezeigt werden konnte, so das Resümée kanadischer Review-Autoren (1).

Was bislang nicht in Betracht kommt, ist ein direkter Einfluss des Erregers auf die Betazellen – sonst würde das Auftreten von Inselzellantikörpern stärker mit dem von Virusantikörpern korrelieren.

Respiratorische und gastrointestinale Infektionen wurden allerdings schon früher verdächtigt, Inselzell-Autoimmunreaktionen zu triggern – Ähnliches könnte für SARS-CoV-2 und Diabetes gelten.

Zusammenhang mit Typ-1-Diabetes jetzt belegt

Zumindest konnten die Forscher der aktuellen Metaanalyse jetzt aber belegen: Es gab einen Anstieg der Fälle von Typ-1-Diabetes während der Pandemie. So werteten sie die Daten von insgesamt 38.149 betroffenen Kindern und Jugendlichen (< 19 ­Jahre) aus. Grundlage dafür waren 17 Studien, in denen die Inzidenz der Autoimmunkrankheit mindestens zwölf Monate vor und nach Pandemiebeginn beobachtet worden war.

Im ersten Pandemiejahr nahm die Inzidenz demnach um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Im zweiten Coronajahr lag die Rate sogar um 27 Prozent höher als die präpandemische Inzidenz. Auch über eine Zunahme von Typ-2-Diabetes berichteten mehrere Studien. Ein entsprechender Effekt bei Kindern und Jugendlichen liess sich aufgrund unzureichender Daten aber nicht demonstrieren.

Mehr Ketazidosen während der Pandemie

Zudem beobachteten die Forscher, dass im ersten Pandemiejahr zum Zeitpunkt einer Diabetesdiagnose bei Minderjährigen 26 Prozent mehr Fälle von diabetischer Keto­azidose (DKA) gezählt wurden als vor der Pandemie.

Das spricht möglicherweise für eine häufiger gewordene Verschleppung der Diagnose. Diese dürfte unter anderem damit zusammenhängen, dass viele Patienten im ersten Pandemiejahr medizinische (Notfall-)Versorgung zögerlicher in Anspruch nahmen.

Verschleppte Diagnosen durch Versorgungsengpässe?

Beide Trends – das Plus bei den Ketoazidosen und den Anstieg der Diabetes-Typ-1-Inzidenz – habe es auch schon vor Corona in Europa gegeben, allerdings auf niedrigerem Niveau, schreiben deutsche Autoren in einem Kommentar (2). Sie ziehen zudem Umweltfaktoren des Diabetes-Typ-1 in Betracht, die sich während den vergangenen drei Jahren verstärkt haben könnten.

Infrage kommen Veränderungen im Mikrobiom, häufigeres Übergewicht bei Kindern und eine übertriebene Hygiene und weniger Keimkontakt während Isolationsphasen.

Auch die Überlastung der pädiatrischen Stationen während und nach der Pandemie stellen sie als Ursache zur Diskussion. Durch diesen Bottleneck bei der Versorgung könnte es zu verschleppten Diagnosen gekommen sein.