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Verpasste Impfungen nachholen!

Nach der Corona-Pandemie nehmen Masern- und Diphteriefälle zu

Nahaufnahme auf den Oberarm eines Kindes, das gerade ein Pflaster nach einer Impfung erhält

Während der Corona-Pandemie haben Säuglinge und Kinder weniger Basisimpfungen erhalten. Diese versäumten Impfungen gilt es nun nachzuholen. Denn bei einigen gefährlichen und sehr ansteckende Infektionskrankheiten nehmen die Fallzahlen wieder zu, wie Dr. Anita Niederer-Loher, Kinderinfektiologin am Ostschweizer Kinderspital St. Gallen, erklärt.

Zu den in letzter Zeit vermehrt auftretenden Infektionskrankheiten, gegen die Impfungen existieren, gehören die Masern. «In der Schweiz sind in den letzten zwei Jahren dem BAG zwar keine Fälle gemeldet worden. Weltweit haben sie aber stark zugenommen, allein in den Monaten Januar und Februar 2022 um 79 Prozent», sagt Dr. Niederer-Loher. Der Grund: Die Immunität durch die Masern-Impfung ist sehr fragil. Wenn über eine gewisse Zeit keine Impfungen erfolgen, gibt es plötzlich wieder viele Anfällige, die das Virus rasch weitergeben.

Verkauf an MMR-Impfdosen sank um bis zu 40 Prozent

Tatsächlich gingen während der Corona-Pandemie global die Routineimpfungen zurück. In der Schweiz sank 2020, zu Beginn der Pandemie, der Verkauf an MMR-Impfdosen um bis zu 40 Prozent – und entsprechend auch die Impfrate. Eine gefährliche Entwicklung: Denn Masern sind deutlich ansteckender als beispielsweise SARS-CoV-2. Im Schnitt steckt eine infektiöse Person 15 Nichtimmune mit Masern an, bei SARS-CoV-2 sind es rund drei.

Zwischenzeitlich hat sich die Masern-Impfrate europaweit wieder etwas erholt. «Sie ist aber nach wie vor nicht auf dem Niveau, auf dem sie sein sollte, um Masern gut eindämmen zu können», betont die Expertin. Damit die Masern-Fälle in der Schweiz nicht plötzlich wieder zunehmen, sind verpasste Impfungen nun nachzuholen. «Bei jedem Kind, das in die Praxis kommt, sollte daher unabhängig vom Konsultationsgrund systematisch geprüft werden, ob es während der Pandemie tatsächlich alle Basisimpfungen erhalten hat», sagte Dr. Niederer-Loher.

Beim Diphtherie-Impfstoff lohnt sich keine Kreativität

Ähnlich ist auch die Entwicklung bei der Diphterie. In den letzten Jahren registrierte die Schweiz nur einzelne Fälle, darunter vor allem Patienten mit Hautdiphterie. 2022 kam es aber plötzlich zu einer deutlichen Zunahme: Bis Ende Oktober 2022 gab es 60 Fallmeldungen, auch an respiratorischer Diphterie, die meisten verursacht durch Toxin-produzierende Erreger.

«Die Impfung wirkt gegen das Toxin. Geschützt ist aber nur, wer tatsächlich auch geimpft ist», betont die Expertin. Für einen guten Schutz muss richtig – gemäss den Schweizer Empfehlungen – geimpft werden. Konkret heisst das: Kinder sollten zwei Dosen im Säuglings- und je einen Booster im Kindergarten- und Jugendalter bekommen und dies auch in der korrekten Dosierung.

Anders als Jugendliche und Erwachsene brauchen Säuglinge und Kleinkinder für eine gute Immunisierung eine zehn- bis fünfzehnmal höhere Antigenmenge, wie sie in den zugelassenen kombinierten Kinderimpfstoffen DTPa-IPV-HiB-HBV enthalten ist. «Ohne diese Dosis können Kinder keine adäquate Impfantwort gegen die Diphterie aufbauen», erklärte Dr. Niederer-Loher.

Die für den Booster verwendeten Erwachsenen-Impfstoffe enthalten eine deutlich niedrigere Antigen-Menge als die Kinderimpfstoffe. «Sie anstelle der Fixkombinationsimpfung Säuglingen und kleinen Kindern zu verabreichen, etwa weil Eltern darauf drängen, andere Impfungen, wie Pertussis und Polio, wegzulassen, ist nicht sinnvoll», betonte die Expertin. Werden Kinder korrekt, gemäss den BAG-Empfehlungen geimpft, sind sie laut Dr. Niederer-Loher gut geschützt und brauchen in aller Regel keine zusätzlichen Impfungen mehr.

Meningokokken-B-Vakzine für elf- bis 24-Jährige zugelassen

Nach wie vor selten sind in der Schweiz die Meningokokken-Infektionen. Anders als Masern und Diphterie haben sich die Fallzahlen mit der Pandemie insgesamt nicht verändert. Zugenommen haben aber Infektionen mit den Serotypen W und Y. «Für die Impfung wird deshalb heute ein viervalenter ACWY-Konjugatimpfstoff empfohlen», erläuterte die Expertin. Er ist neu ab dem Alter von zwei Monaten zugelassen, aber gesunde Kinder erhalten ihn aktuell erst mit 24 Monaten. Lediglich bei Risikopatienten erfolgt die Impfung schon ab dem Alter von zwei Monaten.

Eine häufige Ursache für die Meningokokken-Infektionen ist auch die Serogruppe B. «Sie betreffen vor allem jüngere Kinder und insbesondere Säuglinge», sagte die Kinderärztin und Infektiologin. Neu auf dem Schweizer Markt ist ein Meningokokken-B-Impfstoff. Es handelt sich um einen rekombinanten Impfstoff mit vier Meningokokken-B-Antigenen. Das Vakzin deckt 50–60 Prozent der Infektionen mit dem Typ der Serogruppe B ab und hat im Gegensatz zu den Meningokokken-Konjugatimpfstoffen keinen Effekt auf die Besiedelung. Die Impfung dient somit ausschliesslich dem Individualschutz.

In der Schweiz ist der Impfstoff aktuell noch für das Alter elf bis 24 Jahre zugelassen. «Auf Wunsch der Eltern kann er aber off label Babys verabreicht werden. In anderen Ländern wird der Impfstoff schon viele Jahre lang Säuglingen routinemässig gegeben», erklärt Dr. Niederer-Loher.

Quelle

FomF Pädiatrie Update Refresher

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