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Urininfekte im Kindesalter

Bei Fieber ohne Fokus Harnwegsinfekt ausschliessen

A child is sitting on the toilet and holding toilet paper in his hands

Antibiotika werden bei kleinen Kindern mit einem Harnwegsinfekt (HWI) zu häufig, zu lange und mit einem zu breiten Erregerspektrum eingesetzt. Ein Experte gibt praktische Tipps, wie man bei Verdacht auf einen HWI bestmöglich vorgeht.

Bei Kindern ist die Wahrscheinlichkeit mit acht Prozent relativ gross, dass sich hinter Fieber ohne Fokus ein Harnwegsinfekt (HWI) verbirgt. «Insbesondere in den ersten ein bis zwei Lebensjahren muss bei Fieber ohne Fokus ein HWI immer ausgeschlossen werden», betont Dr. Christian Kahlert, leitender Arzt Infektiologie im Ostschweizer Kinderspital St. Gallen, anlässlich des Symposiums für Kinder- und Jugendgynäkologie (1).

Beutelurin ist nicht aussagekräftig

Nicht jedes Kind, das Fieber hat, braucht hingegen eine antibiotische Therapie. «Generell werden Antibiotika zu häufig, mit einem zu breiten Spektrum und zu lange eingesetzt», betonte der Experte. Nur bei Verdacht auf einen HWI und nach einer rationalen Diagnostik sollte eine Antibiotika-Behandlung erfolgen. Ein kürzlich veröffentlichtes Schweizer Konsenspapier (2) enthält konkrete Empfehlungen zum Einsatz von Antibiotika in der Pädiatrie.

Zum Goldstandard gehört eine Urindiagnostik und eine Kultur für die Erregeridentifikation. Für die Urinanalyse eignet sich ein Katheter-, ein Mittelstrahl- oder ein Clean-Catch-Urin. «Beutelurin kann nur zum Ausschluss eines HWIs verwendet werden, nicht um Entzündungsparameter zu bestimmen und eine Kultur anzulegen», betonte der Kinderarzt und Infektiologe. Grund: Der in einem Säckchen gesammelter Harn enthält immer auch andere Keime, wie zum Beispiel Hautbakterien.

Ein CRP muss nur bestimmt werden, wenn die Behandlung durch das Resultat beeinflusst wird. Wichtig ist bei Kindern aber eine Bildgebung. Bei jedem HWI sollte deshalb eine Sonografie von der Niere durchgeführt werden, um Fehlbildungen auszuschliessen.

Antibiotikaresistenz per Mausklick abfragen

Haupterreger von HWIs sind E-coli-Bakterien. In der Schweiz werden deshalb bei Urininfekten meistens Trimethoprim/Sulfamethoxazol, Dritt-Generation-Cephalosporine und Amoxicillin-Clavulansäure eingesetzt.

Wie empfindlich E. coli auf ein Antibiotikum reagiert, ist regional unterschiedlich. Die Resistenz verschiedener Keime auf einzelne Antibiotika in einem Ort lässt sich mit Hilfe einer Online-Datenbank (3) per Mausklick abfragen. Über ein anderes Online-Tool (4) lassen sich auch die für Kinder aufgrund ihres Körpergewichts empfohlenen Dosen für ein Antibiotikum abrufen.

«Die minimale Dauer der Antibiotikagabe liegt bei einer Zystitis bei drei Tagen und bei einer Pyelonephritis bei zehn Tagen», sagte der Experte. Diese Minimaldauer könne aber auch unterschritten werden, wenn es dem Kind früher schon gut gehe. Denn es gibt keine Evidenz, dass durch Einhalten der Minimaldauer Resistenzen verhindert werden. «Wahrscheinlicher ist das Gegenteil der Fall: Je länger eine Antibiotikabehandlung durchgeführt wird, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Resistenzen bilden», so der Referent. Wie eine Metaanalyse (5) zeigte, sind nach einem Monat Antibiotika-Therapie praktisch immer Resistenzen vorhanden.

Verstopfung fördert HWIs

«Bei wiederkehrenden HWIs sollte bei sehr kleinen Patienten immer sonografisch geschaut werden, ob mit der Anatomie alles in Ordnung ist», so Dr. Kahlert. Zu prüfen ist ausserdem, ob Darm und Harnblase normal funktionieren. «Denn Kinder, die oft verstopft sind, haben häufiger HWIs», sagte er. Ein weiterer möglicher Grund für rezidivierende HWIs kann gelegentlich einmal eine Phimose oder eine Labiensynechie sein.

Die Wirksamkeit einer medikamentösen Prophylaxe ist bei Kindern noch kaum untersucht. «Sogar für eine Antibiotika-Prophylaxe besteht lediglich Evidenz bei hochgradigen Refluxerkrankungen von Grad 4/5», erklärt Dr. Kahlert. Einige Hinweise auf einen positiven Effekt bei wiederkehrenden HWIs gibt es zudem für Probiotika, D-Mannose, Cranberry, Phytotherapie mit Meerrettich und Kapuzinerkresse und orale Immunstimulanzien.

Nichtmedikamentöse Massnahmen sind zu empfehlen

Dr. Kahlert empfiehlt hingegen nichtmedikamentöse Massnahmen. «Dazu gehört, die Flüssigkeitszufuhr portioniert zu erhöhen, um die Miktionsfrequenz zu steigern, Windeln häufig zu wechseln, die Genitalhygiene zu fördern und Säuglinge zu stillen.»

Referenzen
  1. 14. Sym. Kinder-/Jugendgynäkologie + Kontrazeption, 30. Juni 2022, Bern
  2. Buettcher M et al. Swiss consensus recommendations on urinary tract infections in children. Eur J Pediatr. 2021 Mar;180(3):663-674. doi: 10.1007/s00431-020-03714-4
  3. www.anresis.ch
  4. swisspeddose.ch
  5. Costelloe C et al. Effect of antibiotic prescribing in primary care on antimicrobial resistance in individual patients: systematic review and meta-analysis. BMJ. 2010 May 18;340:c2096. doi: 10.1136/bmj.c2096
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