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Psychologische Folgen der Pandemie

Covid-19: Geht es den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut

Wie es Kindern mit der Pandemie geht, hängt wenig überraschend auch vom Gemütszustand der Eltern ab.

Die Belastungen der Covid-19-Pandemie haben Kinder und Jugendliche schwer getroffen. Aber nicht alle sind gleich betroffen. Besonders schwer haben es Kinder unter sechs Jahren, deren Eltern psychisch unter der Krise leiden.

Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen hat die Pandemie gut bewältigt. «Es gibt aber eine bedeutsame Minderheit, die auf die Pandemie mit psychischen Symptomen reagiert», erklärte Professor Dr. Markus Landolt, Leiter Bereich Konsiliar- und Liaisonpsychologie und -psychiatrie und Co-Abteilungsleiter am Kinderspital Zürich (1). Am häufigsten traten Depression, Angst, Suizidgedanken und -taten sowie aggressiv-oppositionelles Verhalten auf.

Wie Kinder und Jugendliche konkret auf die Pandemie-Belastungen reagieren, ist auch altersabhängig. Das zeigen die ersten Auswertungen aus einer zum Teil bereits veröffentlichten Studie (2), die das Team um Prof. Landolt in Zusammenarbeit mit Berner Forschenden während der Pandemie durchgeführt hat. «Junge Kinder zeigen eher ein oppositionelles-aggressives Verhalten, ältere Kinder und Jugendliche eher Angst und Depression», fasste der klinische Psychologe die Resultate zusammen. Für die Arbeit wurden die Jugendlichen oder – bei Kindern unter zehn Jahren – deren Eltern insgesamt viermal während der Pandemie befragt.

Individuelle Verläufe sind gut vorhersehbar

Die Auswertungen zeigen, dass sich die individuellen Verläufe über die Zeit kaum verändern. «Kinder, die in der ersten Welle psychische Symp­tome bekommen haben, bleiben auch im Verlauf verhaltensauffällig. Umgekehrt bleiben Kinder, die nicht verhaltensauffällig wurden, auch weiterhin resilient», so Prof. Landolt.

Anders als zum Beispiel nach einem traumatischen Ereignis haben die Forschenden keine Verläufe gefunden, in denen die Kinder erst resilient sind und dann nach einiger Zeit, sekundär, Symptome entwickeln, oder in denen sie initial auffällig werden und sich dann nach einiger Zeit wieder stark verbessern.

«Das heisst, die individuellen Verläufe sind in der Pandemie gut vorhersehbar», resümierte der Referent. Hat ein Kind einmal reagiert, ist das Risiko gross, dass es über die ganze Zeit belastet ist. In der Studie haben etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen ein auffälliges Verhalten entwickelt, während 85 Prozent konstant resilient blieben.

SARS-CoV-2-Exposition hat keine Bedeutung

Die Wissenschaftler konnten auch Faktoren identifizieren, die beeinflussen, ob ein Kind durch die Belastungen der Pandemie klinisch auffällig wird oder nicht. «Insbesondere für die kleinen Kinder bis sechs Jahre ist es relevant, wie es den Eltern geht. Geht es ihnen nicht gut, sind sie ängstlich oder depressiv, wird auch das Kind eher verhaltensauffällig», so der Experte. Ob Kinder depressiv werden oder nicht, hängt zudem stark vom Geschlecht ab. «Mädchen neigen eher als die Jungen dazu, auf Belastungen internalisiert zu reagieren», erklärte Prof. Landolt. Die SARS-CoV-2-Exposition hat hingegen keine Bedeutung. «Für das Risiko, klinisch auffällig zu werden, spielt es keine Rolle, ob das Kind selbst oder ein Familienmitglied an Covid-19 erkrankt oder nicht.»

Aus den ersten Studienresultaten lassen sich bereits Implikationen für die Praxis ableiten. «Wichtig ist es, in der Pandemie primär die Eltern zu unterstützen, da sie insbesondere für Kinder bis zehn Jahren eine sehr grosse Rolle spielen», betonte Prof. Landolt. Auch sollten die Eltern aufgefordert werden, zumindest gegenüber ihren Kindern möglichst das Positive der Pandemie hervorzustreichen. Der Experte empfahl zudem, Jugendliche, die emotional-internalisierend auf die Pandemie-Belastungen reagieren, früh zu erfassen und ihnen niederschwellige Interventionen anzubieten, um ihr Suizidrisiko zu senken.

Referenzen
  1. Forum für medizinische Fortbildung Pädiatrie Update Refresher, 8. April 2022
  2. Schmidt SJ et al. Age-related effects of the COVID-19 pandemic on mental health of children and adolescents. Eur J Psychotraumatol. 2021 Apr 16;12(1):1901407. doi: 10.1080/20008198.2021.1901407.
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