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Schlafstörungen bei Älteren bedürfen individueller Lösungen

Schlafen ältere Menschen schlecht, kann das mehrere Ursachen haben. Diese sollten aufgeklärt werden, bevor mit Beruhigungsmitteln behandelt wird.

Schlafvermögen und -verhalten wandeln sich mit zunehmendem Lebensalter. Zugleich können Komorbiditäten die Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus überlagern. Bei gestörtem Schlaf im Alter ist daher diagnostisch und therapeutisch ein individualisiertes Vorgehen gefordert. Eine neue Übersichtsarbeit vermittelt wie man am besten vorgeht anhand von vier Fallbeispielen.

Krankhafte Schlafstörungen treten bei älteren Menschen regelmässig auf. Sie müssen aber klar von den Veränderungen des Schlafs, die naturgemäss mit zunehmendem Lebensalter einhergehen, abgegrenzt werden. Dass sich die differenzierte Abklärung und Behandlung auch bei hochbetagten Menschen lohnt, verdeutlichen die beiden Autoren eines aktuellen Reviews anhand von vier Fallbeispielen (1).

Insomnie im höheren Lebensalter

Eine 77-jährige Patientin leidet schon viele Monate an Schlafstörungen. Sie findet nachts keine Ruhe und ist tagsüber so müde, dass sie ihren Haushalt nicht mehr führen kann. Seit zwei Jahren ist sie verwitwet und lebt allein. Abgesehen von einem Antihypertensivum nimmt die Frau keine Medikamente ein. Schon um 19 Uhr geht sie ins Bett und schläft rasch ein. Zwei Stunden später erwacht sie, um zur Toilette zu gehen, findet danach aber nicht wieder zur Ruhe. Vormittags schläft sie etwa eine Stunde, am Nachmittag noch einmal fast zwei Stunden.

Die Dame erfüllt sämtliche Kriterien einer Insomnie, wie die Autoren konstatieren. Medikamente kommen als Auslöser kaum in Betracht. Stattdessen fallen fast drei Stunden Tagesschlaf und eine sehr frühe Bettgehzeit auf.

In einer solchen Situation empfehlen die beiden Experten eine kognitive Verhaltenstherapie, um die Schlafhygiene zu verbessern. Diese Massnahme ist nachhaltig effektiv, braucht aber bis zum Wirkbeginn etwas Zeit. Zur unterstützenden Pharmakotherapie bei Insomnie eignen sich am ehesten pflanzliche Medikamente mit belegter Wirksamkeit. Von Hypnotika wie Benzodiazepinen raten die Verfasser ab, weil diese unter anderem das im Alter häufige obstruktive Schlafapnoe­syndrom (OSAS) verstärken können.
Die sogenannten ­Z-Substanzen dürfen nur bei schwerer Insomnie zeitlich befristet zum Einsatz kommen. Allerdings, so geben die beiden Autoren zu bedenken, sind viele Ältere bereits an Hypnotika gewöhnt. In Anbetracht möglicher Absetzsymptome ist dann die Weiterverordnung in niedriger Dosierung oft das kleinere Übel. Bei begleitender Depression könne man sich den Effekt von zur Nacht verordneten sedierenden Wirkstoffen zunutze machen. Dabei ist allerdings auf ein Restless-Legs-Syndrom zu achten, das bei etwa 30 Prozent der Patienten unter ­Mirtazapin auftritt.

Schlafbezogene Atmungsstörung

Ein 85-Jähriger sucht seinen Hausarzt nach einem Sturz auf. Eine Fraktur kann ausgeschlossen werden. Aber die Ehefrau berichtet, ihr Mann sei immer sehr müde, müsse beim Autofahren oft Pausen einlegen und schlafe tagsüber stundenlang. Ausserdem schnarche er und höre manchmal auf zu atmen – für den Arzt klare Hinweise auf ein obstruktives Schlafapnoe­syndrom.
Bei ausgeprägten Beschwerden ist dann auch im hohen Alter noch eine schlafmedizinische Abklärung angezeigt, betonen die beiden Experten. Selbst Menschen mit leichter Demenz können von einer CPAP (Continuous Positive Airway Pressure)-Beatmung profitieren. Auch Massnahmen, um die Rückenposition beim Schlafen zu verhindern, und Unterkiefer-Protrusionsschienen zeigen gute Effekte.

Das Einmaleins der Schlafhygiene

Diese Prinzipien sollten bei gestörtem Nachtschlaf unbedingt umgesetzt werden:

  • feste Bett- und Aufstehzeiten
  • maximal 30 Minuten Schlaf tagsüber
  • regelmässige körperliche Bewegung
  • Alkohol nicht als Einschlafhilfe nutzen
  • abends auf koffeinhaltige Getränke (Kaffee, Schwarztee) verzichten
  • keine üppigen Mahlzeiten am Abend
  • angemessen temperierte, ruhige Schlafumgebung
  • kein Wecker in Sichtweite
  • keine aufregenden Filme und Bücher vor dem ­Schlafengehen

Bewegungsstörung im Schlaf

Eine 73-jährige Frau findet nachts kaum noch Schlaf. Seit drei Jahren leidet sie an Missempfindungen in den Beinen, die sie nicht mehr ruhig halten kann. Bewegung bessert die Beschwerden, die abends besonders ausgeprägt sind – das klassische Bild eines Restless-Legs-Syndroms.
Therapiebedarf besteht bei klinisch bedeutsamen Symptomen wie erheblichen Ein- und Durchschlafstörungen sowie bei Tagesmüdigkeit und hohem Leidensdruck. Die Patientin erhält nach Ausschluss eines Eisenmangels und medikamentöser Ursachen eine dopaminerge Behandlung, woraufhin sich die Beschwerden umgehend bessern.

Schlafstörung bei Demenz

Eine 91-jährige Frau ist seit fünf Jahren an Demenz erkrankt. Sie ist pflegebedürftig, aber noch mobil und lebt bei ihrer Tochter. Diese berichtet, dass ihre Mutter nachts kaum noch schlafe. Stattdessen halte sie regelmässig die gesamte Familie wach.

In solchen Fällen raten die Autoren, Schlafverhalten und Aktivität über zwei Wochen zu protokollieren. Zudem sollte ein möglicher Einfluss von Medikamenten oder Stimulanzien erfasst werden. Begleitende körperliche Erkrankungen sind bestmöglich zu behandeln.

Mobile Patienten profitieren von einem stabilen zirkadianen Rhythmus mit vormittäglichem Aufenthalt im Freien und dem Verzicht auf Mittagsschlaf. Auch die Betreuung in einer Tagespflegeeinrichtung mit entsprechender Beschäftigung kann helfen. Eine etwaige medikamentöse Behandlung richtet sich nach Zielsymptomen und ­Verträglichkeit.

Das raubt den Nachtschlaf

  • Genussmittel und Stimulanzien (Alkohol, Koffein, Nikotin etc.)
  • Antibiotika (z.B. Gyrasehemmer)
  • Antidementiva (z.B. Donepezil)
  • stimulierende Antidepressiva (SSRI, Venlafaxin etc. bei Einnahme zur Nacht)
  • Betablocker (besonders die stark lipophilen Wirkstoffe)
  • Antiasthmatika
  • Diuretika zur Nacht verordnet (besonders Kombinationen)
  • Hormonpräparate (Thyroxin, Steroide)
Referenz
  1. Frohnhofen H, Popp R. Schlaf und Schlafstörungen im hohen Lebensalter [Sleep and sleep disorders in old age]. Dtsch Med Wochenschr. 2022 Mar;147(5):258-268. 
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