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Autoenzephalitiden

Antineuronale Antikörper auch bei Long Covid beteiligt

Bei Long Covid und anderen neurologischen Erkrankungen lassen sich Autoantikörper nachweisen

In den letzten Jahren sind immer mehr Autoantikörper gegen Strukturen im zentralen und peripheren Nervensystem identifiziert worden. Sie lösen unterschiedlichste Krankheitsbilder aus und spielen vermutlich auch bei Long-Covid eine Rolle.

Nicht jeder gegen körpereigene Proteine gerichtete Antikörper, der sich in Blut oder Liquor nachweisen lässt, ist es wert, dass man sich eingehend mit ihm beschäftigt. «Klinisch relevant werden Autoantikörper dann, wenn ein dazu passendes typisches klinisches Bild vorliegt», so Professor Dr. Harald Prüss von der Charité – Universitätsmedizin Berlin in seinem Vortrag am DGN-Kongress (1). Noch besser, wenn der Antikörper nachweislich pathogen ist und das Krankheitsbild reproduzierbar auf eine Immuntherapie anspricht.

Antikörper erklären vormals rätselhafte Erkrankungen

Mit Riesenschritten kommt die Forschung voran, dutzende Antikörper, die Autoimmun-Enzephalitiden auslösen können, hat man in den letzten Jahren identifiziert. Alle paar Monate kommen weitere hinzu – selbst für Spezialisten wird es schwer, den Überblick zu behalten. Quasi den Startschuss gab die Entdeckung, dass Autoantikörper gegen Aquaporin-4 an der Entstehung der Neuromyelitis optica beteiligt sind. Es folgte der Nachweis von Antikörpern gegen NMDA-Rezeptoren, oft zu finden bei jungen Frauen mit Ovarialteratomen im Sinne einer Paraneoplasie.

Bevor es gelang, diese Antikörper im Liquor zu detektieren, standen Neurologen oft ratlos vor den Patientinnen. Diese wurden häufig von den Psychiatern überwiesen mit polymorph-psychotischen Störungen und Krampfanfällen. Viele lagen lange im refraktären Status epilepticus auf der Intensivstation. Heute ist klar, dass eine Immuntherapie ihren Zustand beenden kann.

Ein weiterer klinisch relevanter Autoantikörper richtet sich gegen das zelluläre Adhäsionsmolekül Caspr2. Er findet sich bei der Limbischen Enzephalitis mit Insomnie, psychiatrischen, neuroendokrinen und Gedächtnisstörungen. Häufig kommt es zur Neuromyotonie mit unwillkürlicher spontaner Muskelaktivität vor allem an den Extremitäten. Zu den Auslösern der Limbischen Enzephalitis zählen ferner Autoantikörper gegen LGI1. Liegen sie vor, sind faziobrachiale dystone Krampfanfälle fast schon pathognomonisch.

Covid-19 kann diverse Autoantikörper hinterlassen

Auch bei vielen Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung sehen die Neurologen im Verlauf Komplikationen wie Hyperexzitabilität, Epilepsie, Myoklonien und prolongiertes Delir. «Wir haben bei allen Patienten Antikörper gegen Hirngewebe, gegen Endothel, gegen Neuropil in Bulbus olfactorius oder Hippocampus, gegen Körnerzellen im Kleinhirn oder gegen Astrozyten gefunden», berichtet Prof. Prüss. Er vermutet, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um pathogene Antikörper handelt.

Der Beweis muss jedoch für jeden Antikörper einzeln geführt werden, um zu verstehen, ob Covid-assoziierte und Long-Covid-assoziierte Symptome durch sie ausgelöst werden können. Immerhin gebe es bereits Fallberichte, in denen psychotische Symptome bei Autoantikörper-positiven Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion durch eine Behandlung mit intravenösen Immunglobulinen in Remission kamen.

Neue Diagnosemethoden gefordert

«Die Bildgebung mittels Kernspintomografie, sonst eine der wichtigsten Methoden, hilft bei Autoimmunenzephalitiden häufig nicht weiter, weil das Bild auch bei schwersten Hirnerkrankungen lange unauffällig bleibt», erklärt der Experte. Mittlerweile gibt es verfeinerte MRI-Techniken, z.B. funktionelle Resting-State- oder Netzwerkuntersuchungen, die stadienabhängig und sogar antikörperabhängig relativ typische Befunde zeigen.

Sie seien noch nicht Teil der klinischen Routine, könnten es aber in einigen Jahren werden. An der Charité haben Forscher ausserdem eine Pipeline implementiert, mit der sich Antikörper aus B- und Plasmazellen isolieren und in nahezu unbegrenzter Menge nachbauen lassen. Dies ermöglicht im Tierversuch zu prüfen, ob der Antikörper pathogen ist und sich der Versuch einer Immuntherapie, B-Zelldepletion oder Apherese lohnt.

Referenz
  1. 94. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 3.-6. November 2021, Berlin und online
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