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Krank vor Liebe

Wann Liebeskummer pathologisch wird

A broken heart. Drawing of a heart on a cracked wall. Broken relationships. Treason and betrayal. Past love. A quarrel.

Eigentlich ist Liebeskummer ja keine Krankheit – in der Praxis aber irgendwie schon. Denn insbesondere im Jugend- und jungen Erwachsenenalter ist er ein bedeutender Risikofakor für Suizid. Eine aktuelle Veröffentlichung ordnet ihn aus psychotherapeutischer Sicht ein.

Fast jeder kennt ihn: Liebeskummer ist – ganz unromantisch ausgedrückt – eine „negative emotionale Reaktion auf eine nicht erwiderte Liebe, auf die Trennung von einem geliebten Menschen oder die Gefährdung einer Partnerschaft“. Er kommt in jedem Lebensalter vor, er kann Menschen in existenzielle Krisen stürzen und mitunter krankhafte Züge annehmen, schreibt Professor Dr. ­Henrik ­Walter von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie CCM der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Ungesund, nie Liebeskummer empfunden zu haben

Die wichtigsten Symptome des Liebeskummers sind Depressivität, Wut und Selbstzweifel. Hinzu kommen oft körperliche Beschwerden wie ein allgemeines Krankheitsgefühl, Kreislaufprobleme, Erschöpfung und Schmerzen. Mehrheitlich betroffen sind Frauen und ängstlich gebundene Menschen. Gleichzeitig ist das Herzeleid Ausdruck der eigenen Liebesfähig- und Liebesbedürftigkeit, und es gilt geradezu als ungesund, es noch nie empfunden zu haben.

„Wenn der Liebeskummer in das Spektrum psychiatrischer Veränderungen eingestuft wird, dann als akute Anpassungsstörung“, so Prof. Walter. In manchen Fällen scheint sogar eine Einordnung als posttraumatische Belastungsstörung gerechtfertigt. Die Anpassungsstörung ist definiert als mal­adaptive Reaktion auf kritische, aber nicht traumatische Lebensereignisse.

Der seit Januar geltende ­ICD-11 nennt zwei Kriterien: Vermehrte Beschäftigung mit dem Ereignis samt Folgen sowie Anpassungsschwierigkeiten im Alltag. Die Probleme können so stark sein wie bei einer Angststörung oder einer Depression, und das Suizidrisiko ist einer Studie zufolge mehr als zehnfach erhöht.

Ähnlich wie bei anhaltender Trauer

Bei ihrer Einstufung der Seelenqual sind Psychiater hin- und hergerissen, wie der Autor beschreibt: Einerseits möchten sie Liebeskummer nicht pathologisieren, da er Teil der normalen Lebenswelt ist. Andererseits räumen sie ein, dass auch Anpassungsstörungen häufig klinisch relevant sind und viel Leid verursachen. „Womöglich haben die Briten also recht mit der Bezeichnung ‚Lovesickness'“, merkt er an.

Der pathologische Liebeskummer erinnert auch an eine anhaltende Trauerstörung, wobei der Tod einer nahestehenden Person durch den erfolgten oder drohenden Verlust oder die Unerreichbarkeit eines geliebten Menschen ersetzt wird. Des Weiteren könnte der Seelenschmerz auch als eine besondere Form der Depression verstanden werden. Studienergebnisse sprechen zudem dafür, dass Liebeskummer Menschen tatsächlich depressiv machen kann. Er führt aber nicht dazu, dass auch künftig depressive Episoden auftreten.

„Neurobiologisch könne man lang­anhaltenden Liebeskummer ebenso wie die prolongierte Trauer als Entzugssyndrom auffassen“, schreibt Prof. Walter. Das Denken an die geliebte Person habe dabei einen Belohnungscharakter. Dadurch könne sich das seelische Leiden vertiefen und werde durch intermittierende Verstärkung aufrechterhalten.

Dem Ex nicht in den sozialen Medien folgen

Spezielle Therapien existieren bisher nicht. Zudem fehlen Anlauf- und Beratungsstellen. Für die Betroffenen gilt es zunächst zu akzeptieren, dass sich Liebe nicht erzwingen oder einfordern lässt.

Ausserdem gibt es keinen Zeitplan, wie lange der Kummer höchstens anhalten sollte.
Es gibt aber durchaus Massnahmen, die den Herzschmerz lindern. So ist es sinnvoll, klare Verhältnisse zu schaffen, dem Ex- oder Nichtpartner nicht in den sozialen Medien zu folgen und sich selbst regelmässig etwas Gutes zu tun. Auch die Reflexion über das eigene Liebes- und Lebenskonzept ermögliche ein besseres Verständnis des Kummers und eigne sich zur Linderung, Heilung und Prävention.

Referenz

Walter H. Liebeskummer. Nervenheilkunde 2021; 40: 963–976; doi: 10.1055/a-1650-2810

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