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Ärzte im Dilemma

Beurteilung der Fahrtauglichkeit von Senioren

Es gibt wohl keine dramatischeren Sprechstunden, als wenn es um die Fahreignung geht. Einige Hilfestellungen für die Beurteilung der Fahrtauglichkeit und die Kommunikation.

Bei der Beurteilung der Fahrtauglichkeit von Senioren sind Ärzte im Dilemma zwischen dem Vertrauensverhältnis zum Patienten und der Sicherheit der Gesellschaft. „Denn wenn jemand nicht mehr Auto fahren kann, darf dies jeder Arzt, ohne sich vom Berufsgeheimnis zu entbinden, melden, muss es aber nicht“, erklärt Dr. Irene Bopp-Kistler, ehemalige Leitende Ärztin in der Memory Clinic am Stadtspital Waid Zürich, in ihrem Vortrag am Forum für medizinische Fortbildung – Innere Medizin Update Refresher.

Sei ein Patient nicht mehr fahrtauglich und werde dies nicht gemeldet, müsse aber die Entscheidung mit der Begründung in der Krankengeschichte dokumentiert werden. „Ansonsten können Ärzte zur Rechenschaft gezogen werden, falls ein Unfall passieren sollte“, so die Referentin.


Hände einer alten Person am Lenkrad eines Auto

Fahreignung von Fahrfähigkeit abgrenzen

Von der Fahreignung abzugrenzen ist die Fahrfähigkeit: Die ereignisbezogene und zeitlich begrenzte Fähigkeit ein Fahrzeug sicher zu führen. „Wird einem Patienten neu beispielsweise Mirtazapin verabreicht, muss er darauf hingewiesen werden, dass er am anderen Tag nicht Auto fahren sollte“, betont die Expertin. Auch dies müsse zwingend dokumentiert werden.

Ab 85 Jahren ist die Unfallrate neunmal höher als in der Altersgruppe der 25- bis 69-Jährigen. Kommt eine Demenz-Erkrankung hinzu, steigt das Unfallrisiko weiter. „Nicht alle Menschen mit einer Demenz fahren aber zu Beginn der Erkrankung schon unsicher“, sagte Dr. Bopp-Kistler. Manche könnten sogar deutlich besser rückwärtsfahren oder einparken als Menschen ohne eine Demenz. „Trotz solch guter Fahrfertigkeiten kann die Fahrtauglichkeit von Senioren aber nicht mehr gegeben sein, etwa wenn komplexe kognitive Fähigkeiten durch die Demenz beeinträchtigt sind“, erläuterte die Referentin.

Erschwerte Fahrverhältnisse sind für Senioren besonders mühsam

Insbesondere bei Dunkelheit und Nässe haben ältere Menschen Schwierigkeiten, Auto zu fahren. Probleme bereiten auch Kreuzungen, Lichtsignalanlagen, Kreisel sowie Situationen, in denen sie die Spur halten oder wechseln müssen. „Menschen mit einer Demenz sind selbst in bekannter Umgebung rasch verloren“, so die Geriaterin. Sie haben zudem Mühe, Distanzen und Geschwindigkeiten richtig einzuschätzen; darum bremsen sie oft abrupt und geben dann plötzlich wieder Gas. Meistens fahren sie auch zu schnell oder zu langsam.

Es gibt aber auch eine Eigenregulation. So fahren ältere Menschen in der Regel weniger und auch seltener während der Hauptverkehrszeiten als junge. Sie sind vor allem tagsüber mit dem Auto unterwegs, fahren mit weniger Imponiergehabe und überholen seltener. Ihr Fahrstil kann aber andere Automobilisten zu riskanten Überholmanövern veranlassen, so Dr. Bopp-Kistler.

Polypharmazie immer mitberücksichtigen

In der Schweiz muss die Fahrtauglichkeit ab 75 Jahren alle zwei Jahre medizinisch bestätigt werden. Sie ist nicht mehr gegeben, wenn zum Beispiel eine relevante organisch bedingte Hirnleistungsstörung vorliegt. Bei der Beurteilung der Fahreignung geht es deshalb oft auch darum, den Schweregrad einer kognitiven Beeinträchtigung zu bestimmen.

Eine Hilfestellung bieten laut Dr. Bopp die entsprechenden Schweizer Konsensus-Empfehlungen sowie Tools wie die Clinical Dementia Rating(CDR)-Scale oder der Trail Making Test B. „Sicher nicht mehr Auto fahren dürfen Senioren mit einem CDR-Wert über 1, also Patienten, die für grundlegende Alltagsaktivitäten wie Ankleiden oder Nahrungsaufnahme Hilfe brauchen“, erläutert die Geriaterin. Auch ein Wert im Mini-Mental-Status-Test unter 22 und ein pathologischer Uhrentest sind Warnzeichen.

„Um die Fahrtauglichkeit zu beurteilen, braucht es auch immer eine fundierte Anamnese“, betont Dr. Bopp-Kistler. Im Fokus stehen neben den basalen Alltagsaktivitäten auch Ereignisse wie Unfälle und Blechschäden. Vermeidungsverhalten, ein verminderter Bewegungsradius sowie aggressives, impulsives Verhalten sind ebenfalls oft ein Hinweis darauf, dass die Fahrtauglichkeit von Senioren eingeschränkt ist.

„Mindestens so beeinträchtigend wie die kognitiven Probleme ist allerdings auch die Polypharmazie“, betonte die Expertin. Sie sollte deshalb bei der Beurteilung der Fahreignung immer mitberücksichtigt werden. „Bestehen Bedenken zur Fahreignung, sollte dies dem Patienten offen kommuniziert werden“, so Dr. Bopp-Kistler. Am besten sprechen Ärzte das Thema Fahrtauglichkeit schon an, wenn sie noch gegeben ist. Patentlösungen gibt es allerdings keine. „Manchmal bleibt leider keine andere Möglichkeit, als dem Patienten auf der Stelle die Schlüssel wegzunehmen“, so die Referentin.

Referenz

Innere Medizin Update Refresher, 1.-5. Dezember 2021, Forum für medizinische Fortbildung

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