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Die Knochengesundheit im Blick behalten

Jede zweite Frau über 50 erleidet eine Osteoporose-bedingte Fraktur

Punkto Knochengesundheit sind auch Gynäkologinnen und Gynäkologen gefordert. Denn trotz guter diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten ist die Osteoporose nach wie vor eine unterbehandelte Erkrankung. Über Risikofaktoren, Abklärung und Therapie der Osteoporose sprach Dr. Sigrid Jehle-Kunz, Leiterin Osteoporose-Zentrum der Klinik St. Anna, Hirslanden Luzern, am Kongress für Praktische Gynäkologie und Geburtshilfe (KPGG).

Osteoporosis of the hip,X-ray

Bei der 43-jährigen Patientin zeigt sich eine Osterporose am Oberschenkelhals.

Osteoporose-bedingte Frakturen sind häufig. «Im Alter über 50 Jahre ist jede zweite Frau betroffen», sagte Dr. Jehle-Kunz. Ein Viertel dieser Frauen hat nach dem Knochenbruch eine erhöhte Mortalität und 25 % brauchen eine Langzeitpflege.

Trotz dieser dramatischen Folgen ist die Osteoporose eine unterdiagnostizierte Erkrankung. Eine 2019 am Osteoporose-Kongress vorgestellte europäische Studie1 untersuchte an 3897 Frauen im Alter über 70 Jahre das Frakturrisiko und die Anzahl der Patientinnen, die eine Osteoporose-Diagnose oder eine Behandlung bekommen hatten.

Die Auswertung ergab erstaunliches: 75 % der Studienteilnehmerinnen hatten ein erhöhtes Frakturrisiko. Doch nur gerade 31 % hatten die Diagnose «Osteoporose» oder eine Therapie erhalten. Der Anteil der behandelten Patientinnen war auch nicht höher, wenn sie bereits eine inadäquate Knochenfraktur erlitten hatten.

Medizinisch deutlich besser versorgt waren in der Untersuchung allerdings Frauen mit anderen Erkrankungen. Nach einem Herzinfarkt bekamen 90 % und nach einem positiven Brustkrebs-Screening 71,3 % eine Untersuchung und/oder eine Therapie.

«In den Wechseljahren findet der Knochenverlust zwei bis drei Jahre vor und bis vier Jahre nach der Menopause statt», erklärte Dr. Jehle-Kunz. In diesem Zeitfenster gehen an der Wirbelsäule 10 % und am Schenkelhals 5 % Knochenmasse verloren. Dies entspricht einer Standardabweichung bei der Knochendichtemessung um 10–12 % und erhöht die Anzahl Knochenbrüche um den Faktor 1,5 bis 2,6. Sehr viele Frauen erleiden aber auch bereits bei einer Osteopenie eine Fraktur, erklärte die Expertin.

Jede Altersgruppe ist betroffen

Das Problem der brüchigen Knochen betrifft allerdings nicht nur ältere Frauen, sondern Patientinnen in jeder Altersgruppe. «Die Ernährung in der Schwangerschaft beispielsweise hat Folgen auf die Knochendichte bei Neugeborenen», so die Referentin. Im Verlauf des Lebens sind Essstörungen, Magersucht und hormonelle Veränderungen häufige Gründe für brüchige Knochen.

Weitere Risikofaktoren für Probleme mit der Knochengesundheit sind eine späte Menarche (über 16 Jahre), Leistungssport, eine Ovarektomie vor dem 30. Lebensjahr, eine beidseitige Ovarektomie, ein Verwandter ersten Grades mit einer Schenkelhalsfraktur sowie weisse Hautfarbe oder asiatische Herkunft. Auch Erkrankungen wie ein Mammakarzinom und Medikamente wie etwa Aromatasehemmer können das Osteoporose-Risiko erhöhen.

«Tamoxifen hat postmenopausal einen positiven Effekt auf die Knochen, prämenopausal fördert der selektive Östrogenrezeptormodulator jedoch den Knochenverlust», betonte die Expertin.

VFA und FRAX helfen bei der Therapieentscheidung

In der Diagnostik kommen verschiedene Geräte und Tools zum Einsatz: Dexa-Apparate für die Knochendichtemessung, der «Trabecular Bone Score» (TBS) für die Beurteilung der Knochenmikroarchitektur, das «Vertebral Fracture Assessment» (VFA) für die Detektion von Wirbelkörper-Frakturen sowie das FRAX-Tool für das Berechnen des Frakturrisikos.

«VFA und FRAX helfen auch bei der Entscheidung, ob eine intensive oder weniger intensive Therapie angezeigt ist», erklärte Dr. Jehle-Kunz. Bei der Densometrie ist zu beachten, dass der T-Score bei älteren und der Z-Score bei unter 50-jährigen und prämenopausalen Frauen für die Knochendichte ausschlaggebend ist.

Ziel der Osteoporose-Therapie ist es, Frakturen zu vermeiden. «Für die Behandlung stehen einige sehr gute Medikamente zur Verfügung», erklärte Dr. Jehle-Kunz. Dazu gehören Bisphosphonate, selektive Östrogenrezeptormodulatoren, der RANKL-Antikörper Denosumab sowie für die fortgeschrittene Osteoporose anabole Therapien mit Teriparatid oder neu auch mit Romosozumab.

«Wird Denosumab nach einer Dauertherapie abgesetzt, sollte vier bis sechs Monate vor der letzten Spritze eine Anschlusstherapie mit Alendronat oder Zolendronat eingeleitet werden», erläuterte die Expertin weiter.

Als Prophylaxe und zur Unterstützung einer Behandlung empfahl Dr. Jehle-Kunz einen gesunden Lebensstil und allenfalls Supplemente mit Kalzium und Vitamin D.

1. Mc Closkey EV et al. WCO IOF-ESCEO Congress Paris, 4.–7. April 2019, P997.

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