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Phytotherapie in der Pädiatrie

Vielstoffgemische mit viel Potenzial

Erlenmeyerkolben und Flachbodenkolben mit frischen Heilkräutern.

Pflanzliche Arzneimittel können schulmedizinische Behandlungen erweitern.

Die Pflanzenheilkunde von einst hat sich zur rationalen Phytotherapie mit standardisierten Extrakten und belegter Wirksamkeit und Sicherheit weiterentwickelt. In der Praxis angewandt wird eine Mischung aus Erfahrungs- und evidenzbasiertem Wissen. Das Potenzial der Phytotherapie und wie sie speziell bei Kindern eingesetzt werden kann, erläuterte Dr. Beatrix Falch, Apothekerin und Vizepräsidentin der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP), an der Jahresversammlung von Pädiatrie Schweiz.

Pflanzliche Arzneimittel sind Vielstoffgemische. Die einzelnen Substanzen sind jedoch nur in kleinen Mengen vorhanden. «Dadurch haben sie weniger Nebenwirkungen als die chemisch-synthetischen Präparate», erklärte Dr. Falch. Phytotherapeutika wirken aber auch weniger stark und nachhaltiger. Weil die Inhaltsstoffe zudem an verschiedenen Stellen im Körper angreifen, haben sie – neben nachweisbaren Wirkungen auf einzelne Proteine – zudem immer auch einen regulierenden Effekt.

Phytotherapie ist nicht mit Homöopathie gleichzusetzen. «Denn die Pflanzenheilkunde ist eine allopathische Methode. Das bedeutet: Symptome werden mit entsprechenden symptomlindernden Substanzen therapiert», so die Expertin. Von allen komplementärmedizinischen Methoden steht die Phytotherapie denn auch der Schulmedizin am nächsten.

Interesse an natürlichen Heilmitteln steigt

Phytotherapie bietet bei einigen Erkrankungen eine Alternative zu Antibiotika, hob Dr. Falch in ihrem Vortrag weiter hervor. Diese Eigenschaft gewinnt nicht nur vor dem Hintergrund der Resistenzen immer mehr an Bedeutung, sondern sie ermöglicht es im Praxisalltag auch schulmedizinische Behandlungen mit pflanzlichen Optionen zu erweitern.

Als weitere Besonderheit nannte die Expertin die Möglichkeit, Individualtherapie zu betreiben. Denn neben der Verordnung von Fertigarzneien gibt es auch die Möglichkeit, Phytotherapie magistral zu verschreiben und so für den einzelnen Patienten eine eigene Rezeptur zu kreieren. «Dies wird sehr geschätzt. In Apotheken und Praxen ist die Nachfrage nach pflanzlichen Therapieoptionen heute sehr gross», so die Referentin.

Zum Einsatz können Phytotherapeutika symptomatisch kommen, etwa als alleinige Therapie in akuten Situationen von eher milden Erkrankungen oder präventiv bei rezidivierenden Beschwerden. Aber auch supportiv als Basis- oder Add-on-Therapie sind pflanzliche Mittel geeignet. Die Fertigpräparate sind wie die chemisch-pharmazeutischen Produkte in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich. Für die Behandlung von Kindern besonders gut geeignet sind Umschläge/Wickel, Salben, Sirup/Tropfen, Tees und Bäder.

Anlass zu Diskussionen gibt öfter einmal der in vielen Tinkturen als Extraktions- und Konservierungsmittel enthaltene Alkohol. «Die Menge ist jedoch meistens so gering, dass sie für Kinder und Jugendliche kein Problem darstellt», erläuterte Dr. Falch. Alle, die absolut kein Risiko eingehen möchten, können einige Tropfen einer Tinktur auch erst in eine grosse Tasse geben und etwas stehen lassen. Nach 15 bis 20 Minuten ist der Alkohol verdampft. Erhitzt werden sollten Tinkturen aber nicht, da so Wirkstoffe zerstört werden könnten.

Faustregel für Kinderdosierungen

In der Schweiz sind aktuell 405 Phytopharmaka von Swissmedic zugelassen. Einige von ihnen werden von der Krankenkasse vergütet. In 137 pflanzlichen Fertigpräparaten sind zudem spezielle Kinderdosierungen aufgeführt. Bei den anderen Produkten steht im Beipackzettel, die Anwendung sei für Kinder nicht geeignet.

«Viele dieser Präparate lassen sich dennoch bei Kindern problemlos einsetzen», betonte Dr. Falch. Denn sie sind oftmals für Kinder nur nicht zugelassen, weil der Alkoholgehalt zu hoch ist oder entsprechenden Studien fehlen. «Wenn man die Pflanze jedoch kennt, und von anderen Zubereitungen und Präparaten aus der Erfahrungsmedizin weiss, dass sie bedenkenlos auch Kindern gegeben werden können, dann können sie, wenn die Dosis angepasst wird, auch eingesetzt werden», so die Expertin.

Als Faustregel gilt: Kinder zwischen ein und zwei Jahren sollten maximal ein Viertel der Erwachsenendosis erhalten, zwischen drei und sieben Jahren maximal ein Drittel, zwischen acht und zwölf Jahren maximal die Hälfte und zwischen 13 bis 16 Jahren drei Viertel oder die gesamte Erwachsenendosis. Für Tinkturen gilt: dreimal täglich so viel Tropfen wie das Kind alt ist.

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