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Gebt den Alten Zucker!

In der Diabetestherapie von Senioren läuft einiges schief

Teil des weißen Zuckers (detaillierte Nahaufnahme; selektiver Fokus) auf hölzernem Hintergrund

Ältere Diabetespatienten haben ein grösseres Hypoglykämierisiko als jüngere. Doch viele Therapiestudien schliessen sie erst gar nicht ein. Nun haben Wissenschaftler erstmals Daten speziell zur Altersgruppe 65 plus ausgewertet.

In der Vergangenheit ergaben die meisten Untersuchungen, dass das Risiko einer schweren Hypoglykämie für Personen mit Typ-2-Diabetes bei NPH- und langwirksamen Analoginsulinen gleich hoch ist. Die darin eingeschlossenen Diabetiker lagen mit ihrem mittleren Alter in der Regel zwischen 55 und 60 Jahren. Dr. Marie Bradley von der US Food and Drug Administration und Kollegen prüften das nun retrospektiv anhand der Daten von 575 008 Patienten im Alter von mindestens 65 Jahren.1

Die Teilnehmer hatten zwischen 2007 und 2019 eine Therapie mit Insulin glargin (n = 407 018), Insulin detemir (n = 141 588) oder einem NPH-Insulin (n = 26 402) begonnen. 5194 Patienten mit Insulin glargin, 1693 mit Insulin detemir und 460 unter NPH-Insulinen kamen in diesem Zeitraum wegen einer Hypoglykämie in eine Notaufnahme oder wurden stationär aufgenommen.

Wahl des Insulins nur eine von vielen Entscheidungen

Das Risiko für schwere Unterzuckerungen lag damit für die Älteren unter Insulinanaloga rechnerisch um 30 % niedriger als unter NPH-Insulinen. Diese Korrelation war allerdings nicht mehr sichtbar, wenn das Regime gleichzeitig ein postprandiales Insulin enthielt.

In einem Kommentar zu der Untersuchung weisen zwei US-Experten darauf hin, dass die Wahl des Insulins nur eine von vielen Entscheidungen ist, bei der das Wohl der Patienten im Zentrum zu stehen hat.2 So wäre es denkbar, dass weniger strenge Zielwerte den Beginn einer Insulintherapie unnötig machen. Einige Ältere könnten heute zudem Kandidaten für GLP1-Agonisten oder SGLT2-Inhibitoren sein, die mit einem geringeren Risiko für Hypoglykämien einhergehen.

Dr. Iliana Legavom Women’s College Research Institute in Ontario und Kollegen veröffentlichten eine weitere Studie zum Thema Diabetestherapie im Alter.3 Die Wissenschaftler ermittelten unter rund 15 000 Altenheimbewohnern einen mittleren HbA1c-Wert von 7,3 %, die Hälfte der Teilnehmer lag unter 7 %. Dabei hatten Bewohner mit schweren kognitiven Einschränkungen noch niedrigere Werte als solche mit nur milden Einschränkungen. Fast ein Viertel erhielt zudem Sulfonylharnstoffe, für die bei älteren gebrechlichen Patienten eine relative Kontraindikation besteht.

Die Autoren betonen, dass diese Blutzuckereinstellung im Gegensatz zu der «Choosing wisely»-Empfehlung der American Geriatric Society steht. Sie rät von zu strengen Zielwerten bei Älteren ausdrücklich ab – nicht nur wegen des eingeschränkten Nutzens, sondern auch, weil dadurch das Risiko für Hypoglykämien steigt, die besonders älteren Patienten mit kognitiven Einschränkungen gefährlich werden können.

Referenzen:

  1. Bradley MC et al. JAMA Intern Med 2021; doi: 10.1001/jamainternmed. 2020.9176.
  2. Huang ES, Lipska KJ. A.a.O.; doi: 10.1001/jamainternmed. 2020.9185.
  3. Lega IC et al. A.a.O.; doi: 10.1001/jamainternmed. 2021.0022.
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