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Dr. Dorothea Ranft, Foto: thinkstock

Hirnschwund durch vegane Ernährung?

Am weitesten verbreitet sind die vegetarischen Kostformen. Sofern neben pflanzlichen Produkten auch Milch konsumiert wird, sind für die kindliche Entwicklung keinerlei Nachteile zu befürchten, betonen Dr. Christine Prell und Professor Dr. Berthold Koletzko von der Abteilung Stoffwechsel und Ernährung im Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München.

Rezept für Säuglingsmilch

100 g Vollmilch (pasteurisiert bzw. ul­trahoch erhitzt, 3,5 %) mit 100 g Wasser, 5 g Stärke (ab 5. Monat z.B. Instanthaferflocken, Vollkorngries) und 8 g Zucker (Laktose) aufkochen. Anschließend 3 g Rapsöl sowie ab der 6. Woche zusätzlich Obstsaft (reich an Vitamin C, ca. 30 g/Mahlzeit) und Karottenbrei (Vitamin A, ca. 5 g/Mahlzeit) einrühren.

Allerdings ist durch den Verzicht auf Seefisch möglicherweise die Jodversorgung gefährdet, umso wichtiger ist deshalb die konsequente Verwendung von Jodsalz. Auch Milchprodukte liefern aufgrund des angereicherten Tierfutters reichlich Jod.

Einen Eisenmangel durch Vitamin-C-Zufuhr vermeiden

Außerdem muss man bei vegetarisch ernährten Kindern vermehrt mit einem Eisenmangel rechnen. Das Metall ist zwar auch in pflanzlicher Kost reichlich enthalten, aber in der dreiwertigen Form, die der Körper schlechter aufnehmen kann als das zweiwertige, rein „tierische“ Eisen. Gleichzeitige Zufuhr von Vitamin C (ca. 50 mg pro Mahlzeit) oder organischen Säuren (Obst, Gemüse) steigert die Resorption.

Auch die Bioverfügbarkeit von Zink ist in pflanzlicher Kost reduziert. Zu einem echten Mangel kommt es dadurch zwar nur selten, dennoch empfehlen die Experten den vermehrten Verzehr zinkreicher Lebensmittel (Gemüse, Nüsse, fermentierte Sojaprodukte, gekeimtes Getreide, Sauerteigbrot).

Bei veganer Ernährung Vitamin B12 supplementieren

Ein besonderes Augenmerk sollten Sie auf junge Patienten haben, die sich vegan ernähren, d.h. auf tie­rische Produkte jeglicher Art verzichten.

Diese Kostform erfordert in allen Altersstufen eine Supplementierung mit Vitamin B12*, denn Cyanocobalamin ist in pflanzlichen Lebensmitteln nicht ausreichend enthalten. Bei einem Mangel drohen neben einer makrozytären Anämie irreversible neurologische Defizite, als besonders gefährdet gelten ausschließlich gestillte Säuglinge sich vegan ernährender Mütter.

Optimierte Mischkost

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung empfiehlt drei Regeln: Pflanzliche Lebensmittel und Getränke reichlich, tierische Lebensmittel mäßig und fettreiche Lebensmittel sparsam verzehren. Demnach genügt es, zwei- bis dreimal in der Woche ein Fleischgericht zu verzehren.

In der Abstillperiode verzögert eine vegane Ernährung das Wachstum und die kognitive Entwicklung – Entsprechendes gilt auch für die makrobiotische Kost, die in ihrer traditionellen Form kaum tierisches Protein enthält.

Außerdem ist die Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren nicht gesichert, als Gegenmittel empfehlen die Autoren, diese entweder durch Algenpräparate zu substituieren oder die Nahrung mit Raps- bzw. Leinöl anzureichern. Die darin enthaltene Alpha-Linolensäure wird zumindest teilweise in Omega-3-Fettsäuren umgewandelt.

Mandelmilch birgt hohes Allergierisiko

Falls Eltern ihren Säugling nach dem Abstillen vegan ernähren wollen, sollten sie eine industriell hergestellte Sojanahrung verwenden, die allerdings ein erhöhtes Sensibilisierungsrisiko in sich birgt. Von in Eigenregie hergestellter Säuglingsmilch raten die Ernährungsexperten explizit ab (wegen der unzureichenden Nährstoffzusammensetzung), akzeptieren aber als Notlösung die sog. Halbmilch (siehe Kasten).

Keine Diäten ohne gesicherte Diagnose!

Die in der Makrobiotik gepriesene Frischkornmilch aus gemahlenem Getreide, Rohmilch und Wasser könne dagegen gefährliche Krankheitserreger enthalten und berge ebenso wie Mandelmilch ein hohes Allergierisiko. Auch Ziegen- und Stutenmilch eignen sich wegen des unpassenden Fett- bzw. Folsäuregehalts weder zur Säuglingsernährung noch zur Allergieprophylaxe (Kreuzreaktionen mit Kuhmilch).

Restriktive Diäten werden bei Kindern häufig auch zur Therapie von Erkrankungen eingesetzt – nicht selten ohne gesicherte Diagnose, wie die Münchner Kollegen kritisieren. Bei der Histaminintoleranz fordern sie z.B. eine doppelblinde, placebokontrollierte Nahrungsmittelprovokation – eine erniedrigte Diaminoxidase im Serum genügt für den Nachweis ebenso wenig wie ein erhöhtes Histamin im Urin.

Allergiediagnose: Anamnese, Hauttest und IgE-Bestimmung

Ein weiterer Brennpunkt: Wegen angeblicher Nahrungsmittelallergien müssen etwa 20 % der Kinder Eliminationsdiäten einhalten – gesichert sind diese allerdings nur bei maximal 8 %. Die Allergiediagnose sollte auf einer Kombination von Anamnese, Hauttest und IgE-Bestimmung fußen. Ein positives IgG dagegen hat keinerlei Nutzen, es ist nur ein Zeichen der intakten Im­munantwort.

*Tagesdosis Säuglinge 0,4–0,8 µg, Kinder < 7 Jahre 1–1,5 µg, 7 bis 12 Jahre 1,8–2 µg, Jugendliche und Erwachsene 3 µg

Quelle: Christine Prell, Berthold Koletzko, Monatsschr Kinderheilkd 2014; 162: 503-510

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