Medical Tribune
31. März 2025Wie häufig sind echte Entzugserscheinungen?

Was ist beim Absetzen von Antidepressiva zu beachten?

Das Absetzen von Antidepressiva ist häufig mit Unsicherheit verbunden – bei Behandelnden wie Betroffenen. Eine aktuelle deutsche Metaanalyse bringt nun mehr Klarheit: Wie häufig treten tatsächlich Absetzsymptome auf? Welche Rolle spielt der Noceboeffekt? Und bei welchen Wirkstoffen ist das Risiko am höchsten? Erstautor PD Dr. Jonathan Henssler (Charité) ordnet die Ergebnisse ein – und gibt praxisnahe Empfehlungen für den klinischen Alltag.

Take Home Messages

  • 31 % der Patientinnen und Patienten berichten von mindestens einem Absetzsymptom.
  • 17 % berichten nach Placebo ebenfalls von Absetzsymptomen.
  • 2,8 % erleben schwere Absetzsymptome (v. a. bei Imipramin, Des-/Venlafaxin und Paroxetin).
  • 1 von 6–7 Betroffenen hat ein Absetzsymptom, das auf die pharmakologische Wirkung zurückzuführen ist.
  • Keine signifikanten Unterschiede zwischen Studien mit und ohne Industriebeziehungen.
  • Keine Korrelation zwischen Einnahmedauer und Häufigkeit von Absetzsymptomen
Rund ein Drittel berichtet beim Absetzen von Antidepressiva über Symptome.
Maria/stock.adobe.com

Das Absetzen von Antidepressiva kann mit verschiedenen Symptomen einhergehen. Eine deutsche Metaanalyse lieferte dazu nun belastbare Daten (1). Erstautor PD Dr. Jonathan Henssler von der Charité – Universitätsmedizin Berlin, fasst am Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) die wichtigsten Ergebnisse zusammen.*

Für die Metaanalyse sichteten Forscher über 6.000 wissenschaftliche Artikel, von denen 79 Studien – 44 randomisierte, kontrollierte und 35 Beobachtungsstudien – einflossen. Insgesamt umfassten die Daten dabei 21.000 Patientinnen und Patienten (w : m = 72 % : 28 %, mittleres Alter: 45 Jahre), von denen mehr als 16.000 ein Antidepressivum absetzten.

Einfluss der Erwartungshaltung

Laut Metaanalyse berichteten 31 Prozent der Patientinnen und Patienten nach dem Absetzen eines Antidepressivums von mindestens einem Absetzsymptom. Schwerwiegende Symptome traten dabei bei 2,8 Prozent auf. Auch in den Kontrollgruppen, die Placebo absetzten, berichteten 17 Prozent der Teilnehmenden über ähnliche Symptome, davon 0,6 Prozent über schwerwiegende.

Das deutet auf einen erheblichen Noceboeffekt hin, meint PD Dr. Henssler. Zudem seien Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen und Schlafstörungen unspezifisch und häufig in der Allgemeinbevölkerung. Die tatsächliche Inzidenz sei daher geringer: «Nur eine von sechs bis sieben Personen wird ein Absetzsymptom erleben, das tatsächlich auf die pharmakologische Wirkung zurückzuführen ist.»

Erhebliche Unterschiede zwischen Wirkstoffen

Zwischen spezifischen Antidepressiva gibt es ausserdem erhebliche Unterschiede beim Absetzen (s. Tabelle). Die Einnahmedauer beeinflusst die Häufigkeit der Absetzsymptome dabei nicht signifikant. PD Dr. Henssler merkt an, dass es dazu nur wenige hochwertige Langzeitstudien gibt.

Neben typischen körperlichen Symptomen wie Schwindel, Übelkeit und Schlafstörungen berichteten einige Patientinnen und Patienten über ausgeprägte Affektlabilität über Wochen oder Monate. «Diese emotionalen Schwankungen sollten nicht vorschnell als prämorbide Persönlichkeitsakzentuierungen interpretiert werden», betont der Referent.

Vorgehen in der Praxis

PD Dr. Henssler empfiehlt, Patientinnen und Patienten frühzeitig über mögliche Absetzsymptome aufzuklären. «Diese sollten bereits bei der Verordnung eines Antidepressivums angesprochen werden. » Das schrittweise Ausschleichen ist essenziell, wobei eine Halbierung der Dosis alle vier bis sechs Wochen anzustreben ist. Alternierende Einnahmen (z. B. nur jeden zweiten oder dritten Tag) sind mit Ausnahme von Fluoxetin (lange Halbwertszeit!) wegen der Plasmaschwankungen nicht zu empfehlen. Die Anpassung sollte individuell erfolgen, und bei auftretenden Absetzsymptomen sollte ggf. die Dosis leicht erhöht und langsamer reduziert werden.

Häufigkeit von Symptomen beim Absetzen von Antidepressiva

  • 1. Imipramin (44 %)
  • 2. Des-/Venlafaxin (40 %)
  • 3. Escitalopram (39 %)
  • 4. Fluvoxamin (38 %)
  • 5. Paroxetin (32 %)
  • 6. Duloxetin (32 %)
  • 7. Nefazodone (21 %)
  • 8. Levo-/Milnacipran (19 %)
  • 9. Citalopram (19 %)
  • 10. Sertralin (18 %)
  • 11. Fluoxetin (15 %)