Medical Tribune
7. Dez. 2012

Virusinfekt: Risikopatienten zum HIV-Test

Auch wenn sich die Rate an HIV-Infektionen in Mitteleuropa zu stabilisieren scheint – zehn Fälle pro 100 000 Einwohner im Jahr sind immer noch zu viel, schreibt Dr. 
Angelika Bickel vom Kantonsspital St. Gallen. Aufgrund der heute fast normalen Lebenserwartung nimmt die Zahl der HIV-Infizierten zudem immer weiter zu.

Primärinfizierte haben deutlich höhere Viruslast

In mehreren Studien wurde gezeigt, dass sich die meisten HIV-Patienten bei “frisch Infizierten” angesteckt haben. Das liegt wahrscheinlich nicht nur daran, dass diese Personen noch nichts von ihrer Infektion wissen – sie haben im Rahmen der Primärinfektion auch deutlich höhere Viruskonzentrationen. Ausserdem scheint das “junge” Virus leichter übertragbar zu sein.

Eine besondere Risikogruppe sind “Männer, die Sex mit Männern haben” (MSM) und sexuelle Beziehungen auch ausserhalb fester Partnerschaften pflegen. Hier entstehen ganze “Netzwerke” von sexuellen Bekanntschaften, in denen sich die Beteiligten relativ sicher fühlen und auf Safer Sex oft verzichten. Ist einer infiziert, steckt er rasch die anderen an, sodass es zu kleineren “Epidemie-Clustern” kommt.

HIV-Test: ELISA der 4. Generation Goldstandard, Schnelltest versagt

Eine jährliche Testung der Mitglieder solcher Netzwerke kommt in den meisten Fällen zu spät. Viel wichtiger wäre es, Krankheitssymptome, die für eine Primärinfektion sprechen können, ernst zu nehmen. Bei Vorliegen eines viralen Krankheitsbildes mit Symptomen wie Fieber, Halsschmerzen, Lymphknotenschwellung, Exanthem und evtl. Enzephalitiszeichen hält Dr. Bickel einen HIV-Test für unerlässlich.

Um eine HIV-Infektion in diesem frühen Stadium nachzuweisen, benötigt man einen ELISA-Test der 4. Generation – kommerziell verfügbare Schnelltests sind hierfür nicht geeignet.

HIV-Diagnose bringt Verhaltensänderung

Bei den meisten Patienten (76 % gemäss Studiendaten) führt das Wissen um ihr positives Testergebnis zu einer Verhaltensveränderung und sie verwenden Kondome zum Partnerschutz. Ausserdem geht die Tendenz heute dahin, schon relativ früh nach der HIV-Diagnose antiretroviral zu behandeln. Unter einer wirksamen Therapie wird HIV nicht mehr sexuell übertragen, auch dies kann ein wichtiger Beitrag zur Prävention sein.

A. Bickel et al., Internist 2012; 53: 1179-1186