17. Apr. 2023Aufruhr im Gehirn

Psychische Störungen bei Parkinson-Patienten

Mehr als jeder Zweite mit Morbus Parkinson zeigt neuropsychiatrische Symptome. Allerdings werden Depressionen, Psychosen, Demenz und andere Seelenleiden bei den Patienten oft lange übersehen oder gar ignoriert. Was sollte den Arzt aufmerken lassen? Und wie lässt sich den Betroffenen und ihren Angehörigen helfen?

Viele Parkinson-Patienten leiden unter psychischen Störungen.
Yaraslau Saulevich/gettyimages

Im Zuge einer Parkinsonerkrankung kann eine ganze Reihe an psychischen Störungen auftreten. Mitunter gehen die Persönlichkeitsveränderungen den motorischen Zeichen des Syndroms auch um Jahre voraus, berichtet ein Team um Dr. ­Daniel ­Weintraub von der University of ­Pennsylvania in ­Philadelphia.

In einer Übersichtsarbeit (1) geben die Autoren Tipps zu Diagnose und Therapie der sechs wichtigsten Erkrankungen bei ­Morbus ­Parkinson.

Depressionen gehören oft zum Prodromalsyndrom

Bei Parkinsonpatienten kann eine Depression auch als Prodromalsyndrom auftreten. In vielen Fällen ist zudem mit einer eher leichten Ausprägung zu rechnen, bei der noch nicht die Kriterien für das Vollbild der affektiven Störung erfüllt ­werden.

Die Behandlung erfolgt mit Antidepressiva und Psychotherapie. Wirkstoffe der ersten Wahl sind SSRI* und ­SSNRI. Vorsicht ist bei Patienten geboten, die bereits MAO-B-­Hemmer einnehmen, denn in Kombination kann es zu einem serotonergen Syndrom mit Unruhe, Verwirrtheit, Herzklopfen und Fieber kommen.

Die Psychotherapie sollte auf eine Verhaltensänderung des Patienten abzielen, etwa indem sie ihm Hilfestellung gibt, besser mit der Parkinsonerkrankung zurechtzukommen. Auch ergänzende Massnahmen wie regelmässige Bewegung und Yoga helfen weiter. Bei schwerer Depression, die nicht auf Antidepressiva anspricht, kommt eventuell eine Elektrokrampftherapie in Betracht.

Angststörungen bei bis zu 40 Prozent

Bis zu 40 Prozent der Menschen mit Parkinsonerkrankung entwickeln pathologische Ängste. Diese können sich als generalisierte Störung, als Panikattacken oder soziale Phobie manifestieren. Vielfach sind sie von Depressionen begleitet.

Ähnlich den Depressionen kann sich auch eine Angststörung Jahre vor den motorischen Symptomen des M. ­Parkinson entwickeln. Meis­tens tritt sie aber bei manifester Erkrankung im Zusammenhang mit nichtmotorischen Fluktuationen auf, vor allem in den Off-Phasen, wenn die Wirkung der dopaminergen Medikation nachlässt.

Die Therapie erfolgt bevorzugt mit SSRI. Bei phobischen Symptomen während der nichtmotorischen Fluktuationen sollte die Parkinsonmedikation entsprechend angepasst werden. Auch niedrig dosierte Benzodiazepine wie ­Lorazepam oder ­Alprazolam eignen sich zur Behandlung nichtmotorischer Off-Fluktuationen oder generalisierter Angststörung. Allerdings kann es dann zu kognitiven Einbussen, Schläfrigkeit sowie Geh- und Gleichgewichtsstörungen kommen. Aktuelle Daten sprechen zudem für einen Nutzen der kognitiven Verhaltenstherapie. In den Off-Phasen können Entspannungstechniken die Symptomatik mildern.

Psychosen: Manchmal auch durch Medikation bedingt

Rund zwei Drittel der Parkinsonpatienten entwickeln Psychosen. Zu den begünstigenden Faktoren zählen neben der Progredienz der Erkrankung auch kognitive Störungen. Bei entsprechendem Verdacht sind zunächst andere Ursachen wie Delir und Infektion auszuschliessen, zudem sollte die Einnahme potenziell begünstigender Wirkstoffe wie Anticholinergika oder Benzodiazepine vermieden werden.

Falls diese Massnahmen nicht ausreichen, lässt sich möglicherweise über die Dosisreduktion der Parkinsonmedikamente die Psychose lindern. Kommt das zum Beispiel wegen einer Verschlechterung der Motorik nicht in Betracht, lassen sich die psychotischen Symptome eventuell mit einem atypischen Neuroleptikum angehen. Die besten Daten gibt es für Clozapin, das jedoch ein Sicherheitsmonitoring erfordert. ­In der Praxis bleibt Clozapin Patienten mit therapierefraktärer Psychose vorbehalten. Die klinische Erfahrung spricht ausserdem für den Nutzen verhaltenstherapeutischer Massnahmen, etwa um den Tag-Nacht-Rhythmus wiederherzustellen.

Impulskontrollstörung: Dopaminagonisten begünstigen

Impulskontrollstörungen zeigen sich typischerweise mit exzessivem Spielen, übermässigem Einkaufen oder ungehemmtem Essen, möglicherweise auch mit Hypersexualität. Zu den begünstigenden Faktoren zählen männliches Geschlecht, früher Beginn und lange Dauer der Erkrankung. Der stärkste Prädiktor ist die Behandlung mit Dopamin­agonisten. Weniger deutlich ist die Assoziation mit hohen Levodopa-­Dosen, ­Amantadin und selektiven MAO-B-­Inhibitoren.

Therapeutisch hilft oft schon die Reduktion oder ein Absetzen der Parkinsonmedikation, wobei auf das Dopaminagonisten-Entzugssyndrom zu achten ist. Auch die pharmakologische Behandlung mit ­Naltrexon ist einen Versuch wert. Eine weitere Option ist die tiefe Hirnstimulation. In prospektiven Studien liess sich damit eine Remission der Impulskontrollstörung beobachten. Wichtig ist zudem die psychosoziale Unterstützung des Patienten, ggf. ergänzt durch Psychotherapie.

Apathie

Nach wie vor unbefriedigend sind die Therapiemöglichkeiten bei ­Apathie. Sowohl für die pharmakologische als auch die nichtmedikamentöse Behandlung besteht bislang nur geringe Evidenz. Möglicherweise sind Stimulanzien, Cholinesterase-Inhibitoren und Dopaminagonisten geeignet. Eventuell können auch Smartphone-Apps den Parkinsonpatienten aus seiner Lethargie holen.

Kognitive Beeinträchtigung bei rund 80 Prozent

Etwa 80 Prozent der Menschen mit Parkinson entwickeln im Verlauf eine Demenz, bei einem Drittel besteht bereits zum Zeitpunkt der Diagnose eine leichte kognitive Dysfunktion. Therapeutisch gilt es zunächst, die Medikation zu überprüfen. Anticholinerge oder sedierende Wirkstoffe wie Benzodiazepine oder ­Opioide sollten zumindest in der Dosis verringert, besser noch abgesetzt werden. Auch Parkinsonmedikamente mit anticholinerger Wirkung können langfristig die Kognition beeinträchtigen und sind deshalb beim älteren Patienten zu vermeiden.

Gefässleiden, Schlafapnoe, Insomnie, orthostatische Hypertonie und andere Erkrankungen, die geistige Einbussen zur Folge haben können, sollten gezielt behandelt werden. Zur medikamentösen Therapie bei abnehmender Hirnleistung eignen sich Cholinesterase-Inhibitoren, in geringerem Ausmass ­Memantin. Auch Bewegung und kognitives Training können den geistigen Abbau ­bremsen.

Referenz

  1. Weintraub D et al. Management of psychiatric and cognitive complications in Parkinson's disease. BMJ. 2022 Oct 24;379:e068718. doi: 10.1136/bmj-2021-068718.