19. Jän. 2023Mehr Depressionen und Angststörungen

ADHS ruiniert die seelische Gesundheit

Menschen, die Charakteristika der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) aufweisen, leiden häufig an Angststörungen und Depressionen. Psychische Probleme sind bei ihnen sogar noch stärker verbreitet als bei Menschen mit Autismus. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die aufzeigt, dass ADHS-Betroffene so bald wie möglich eine angemessene Betreuung erhalten sollten, um zu verhindern, dass sich ihre psychische Gesundheit verschlechtert.

Eine Aufmerksamkeits/Hyperaktivitätsstörung geht öfter als gedacht mit Depressionen und Angststörungen einher.
Bulat Silvia/gettyimages

In der Schweiz sind rund 200.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen. Die Störung macht sich durch eine verringerte Konzentrationsfähigkeit, und/oder Hyperaktivität und Impulsivität bemerkbar.

Eine aktuelle Studie im Journal «Scientific Reports» beschreibt, dass Erwachsene, die Anzeichen einer ADHS aufweisen, vermehrt unter psychischen Problemen leiden. In der Arbeit war das Vorliegen von ADHS sogar stärker mit schlechter seelischer Gesundheit assoziiert als mit Autismus, bei dem dieser Zusammenhang bereits hinlänglich bekannt ist.  

ADHS und Autismus: häufig gemeinsam

«Es ist schon lange bekannt, dass Autismus Angststörungen und Depressionen begünstigt, die ADHS ist bei diesem Zusammenhang bisher etwas vernachlässigt worden», sagt Erstautorin Luca Hargitai von der englischen Universität Bath. «Forscher hatten bei der Erforschung von seelischen Problemen auch lange Schwierigkeiten, Menschen mit ADHS und Autismus statistisch zu trennen, da diese so häufig gemeinsam auftreten.» Bis zu 80 Prozent der Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung leiden auch an einer ADHS. Umgekehrt weisen auch bis zu der Hälfte der Kinder mit einer ADHS auch eine Autismus-Spektrum-Störung auf. In der vorliegenden Arbeit korrigierten die Wissenschaftler die Daten statistisch mit dem gleichzeitigen Auftreten von Autismus.

In ihrer Arbeit wählten die Autoren eine repräsentative Stichprobe von 504 britischen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren (Medianalter: 45 Jahre) aus, und liessen sie Standardfragebögen zu autistischen und ADHS-bezogenen Eigenschaften ausfüllen. Sie zeigten, dass Eigenschaften, die typisch für das ADHS sind, stark mit der Schwere von Symptomen einer Angststörung oder Depression korrelierten –und das wesentlich stärker, als wenn die Probanden eher autistische Eigenschaften aufwiesen.

Betroffene rechtzeitig behandeln

Internalisierungsprobleme wie Depressionen, Angststörungen, somatische Beschwerden, posttraumatische Symptome und Zwangsstörungen sind nicht nur unangenehm. Je länger sie nicht angegangen werden, umso mehr können sie die seelische Gesundheit und Entwicklung beeinträchtigen; ein Prozess, der später schwerer umkehrbar ist – besonders bei Kindern und Jugendlichen.  

Autorin Luca Hargitai hofft nun, dass Forschungsarbeiten wie die ihre dazu dienen, dass Menschen mit ADHS ähnlich wie Patienten mit Autismus rechtzeitig angemessene Diagnosen für Inernalisierungsstörungen erhalten. «Das könnte helfen, diejenigen zu identifizieren, bei denen die Gefahr für Angststörungen und Depressionen am höchsten ist, und schon vorsorglich Massnahmen zu ergreifen. Dazu gehört, Kinder und Erwachsene beim Management ihrer ADHS-Symptome gut zu unterstützen.

Referenz
  1. Hargitai LD et al. Attention-deficit hyperactivity disorder traits are a more important predictor of internalising problems than autistic traits. Sci Rep. 2023 Jan 16;13(1):31. doi: 10.1038/s41598-022-26350-4.