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Baseler Teledermatologie

Ganzkörperscanner erkennt auch kleinste Hautveränderungen

Auch kleinste Hautveränderungen erkennt der Züricher Ganzkörperscanner

Die Möglichkeiten und der Bedarf digitaler Leistungen in der Medizin sind generell gross. Besonders vielversprechend ist das Potenzial in der Dermatologie. Die Stichworte dazu lauten Teledermatologie und Ganzkörperscanner. Ein paar offene Fragen aber bleiben. Am 3. e-healthcare CIRCLE wartete Professor Dr. Alexander Navarini, Chefarzt Dermatologie und Allergologie am Universitätsspital Basel, mit Zahlen und Fakten auf.

Das grösste Organ des Körpers, die Haut, ist anfällig für zahlreiche Krankheiten. Schuppenflechte, Akne, Ekzeme, Pilze aller Art und zunehmend auch weisser und – besonders tückisch – der schwarze Hautkrebs machen vielen Menschen zu schaffen. «25 Prozent der Bevölkerung haben einen jährlichen Bedarf an dermatologischer Behandlung. Davon könnte man 70 Prozent durch Teledermatologie behandeln», leitet Prof. Navarini aus zwei Studien aus Deutschland ab.

Bis ins Jahr 2027 wird das Umsatzpotenzial der Teledermatologie auf fast 45 Mrd. US-Dollar geschätzt. Das bedeutet eine Verzehnfachung gegenüber dem Jahr 2016. Damit ist die Teledermatologie der am schnellsten wachsende Bereich der Telemedizin weltweit.

Enorme zeitliche Beschleunigung

Während ein Patient heutzutage drei Monate oder mehr bis zu einem Termin beim Dermatologen warten muss (Ausnahme Notfall), beschleunigen die digitalen Möglichkeiten diesen Prozess enorm, so Prof. Navarini. Bei einem gesundheitlichen Hautproblem kann die Person von der betroffenen Hautstelle selber ein Bild mit dem smartphone schiessen und dieses auf hautproblem.ch hochladen. Innerhalb von 24 Stunden liegt die Antwort durch eine qualifizierte Fachperson vor.

Bei einer klaren Diagnose und in harmloseren Fällen funktioniert diese Methode sehr gut. Jemandem über das Internet eine Hautkrebs-Diagnose mitzuteilen, ist dagegen heikel. In den meisten Fällen geht es diesbezüglich um den weis­sen Hautkrebs, die häufigste Form von Krebs. Dieser ist weniger gefährlich als der schwarze Hautkrebs. Trotzdem kann die Diagnose grosse Angst auslösen. «Wichtig ist deshalb die Aufklärung», betont Prof. Navarini – und die Beruhigung: So sollte im Arztbericht etwa stehen, dass ein Basalzellkarzinom nur sehr langsam wächst, sich im Frühstadium sehr gut therapieren lässt und eine Ausbreitung nur selten vorkommt.

Die Kosten für eine teledermatologische Abklärung betragen 75 CHF

Um die Diagnose zu erhärten, wird empfohlen, eine Hautprobe zu entnehmen. Das kann dann der Hausarzt oder die dermatologischen Klinik durchführen. Die Kosten für eine teledermatologische Abklärung belaufen sich auf 75 CHF, also bedeutend weniger als bei einem Arztbesuch. Einige Kassen erstatten die Kosten sogar komplett.

Dermatologen können kritische Muttermale an einer asymmetrischen Form, einer unscharfen Begrenzung und ungleichmässiger Färbung erkennen. Doch wenn ein Patient Hunderte von Muttermalen aufweist, stösst auch ein erfahrener Hautarzt an Grenzen. Um sicherzustellen, dass eine Veränderung eines Muttermals nicht verpasst wird, greift das Universitätsspital Basel auch auf künstliche Intelligenz zurück. Hier steht der bislang einzige Ganzkörperscanner in der Schweiz. Das von Prof. Navarini gezeigte Bild hat futuristische Züge: Ein nackter Patient steht zwischen zwei gebogenen Kunststoffgebilden und sieht mehrere Dutzend Kameras auf sich gerichtet. Das Scannen des Körpers dauert nur wenige Sekunden. Die Muttermale werden individuell identifiziert, ausgemessen und mit Vorbildern verglichen.

Bringt der Ganzkörperscanner wirklich einen Nutzen?

Über 1.500 Patientinnen und Patienten sind seit der Inbetriebnahme im Jahr 2019 mit dem Ganzkörperscanner in Basel fotografiert worden. «Die Akzeptanz der Patienten ist grösstenteils sehr gut», bilanziert Prof. Navarini. Offen ist und bleibt für ihn allerdings die Frage, ob der Ganzkörperscanner den Patienten wirklich einen Nutzen bringt, also ob er ein gefährliches Muttermal erkennt, das dem Spezialisten mit geschultem Auge verborgen geblieben wäre. Dieser Frage wird gegenwärtig in einer Studie fundiert nachgegangen. Die Patienten möchten die Vorteile der künstlichen Intelligenz, der sie stark vertrauen, schon jetzt nicht mehr missen. «Endlich jemand, der mich genau anschaut», zitiert Prof. Navarini einen zufriedenen Patienten.

Aus der Sicht des Arztes zahlt sich der Ganzkörperscanner zumindest finanziell gesehen aber aktuell nicht aus. Im Tarmed werden die Leistungen nicht abgebildet. «Wir bieten das eher an, weil wir es wichtig finden.»

Bei Hautkrebs-Apps ist Vorsicht geboten

Vorbehalte hat der Dermatologe hingegen gegenüber den sogenannten Hautkrebs-Apps. Die Theorie sieht so aus, dass mit dem Smartphone ein Foto von einem Muttermal geschossen wird und die App dann die Frage beantwortet, ob es sich um eine gefährliche oder harmlose Hautveränderung handelt. Leider zeigten Studien, dass diese Apps etliche Schwachstellen aufwiesen. Prof. Navarini spricht von einer 27-fachen Überdiagnostizierung bei der beliebtesten App. Für ihn besteht die Gefahr, dass in der Folge viel mehr Muttermale entfernt werden als medizinisch effektiv notwendig.

Quelle

3. e-healthcare CIRCLE, 15. Juni 2022, Zürich und digital

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