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Expertentipps einer Hebamme

Diabetes in der Schwangerschaft: Babys mit Kolostrum einen Startvorteil geben

Bei einem Diabetes in der Schwangerschaft kann Kolostrum den Babys einen wichtigen Startvorteil geben.

Schwangere mit einem Diabetes Typ 1, 2 oder Schwangerschaftsdiabetes können mit einer relativ einfachen Massnahme viel tun, um ihrem Kind einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Vormilch (Kolostrum), die sie während der Schwangerschaft sammeln, kann wahre Wunder bewirken.

Das Risiko eines Neugeborenen, innerhalb der ersten halben Stunde eine Hypoglykämie ist bei Neugeborenen von diabetischen Müttern deutlich erhöht. Bei ihnen bedeutet die Trennung des Babys von der Versorgung durch den mütterlichen Blutkreislauf dann oftmals auch der Wegfall einer übermässigen Versorgung mit Glucose.

Um dem vorzubeugen, wird bei allen Kindern von Müttern mit einem Schwangerschaftsdiabetes (gestational diabetes mellitus, GDM) oder präxistenten Diabetes innerhalb der ersten zwei Stunden nach der Geburt, und zumindest noch zweimal in den Stunden danach, der Blutzucker mittels Fersenstich kontrolliert.

Viele Diabetikerinnen bringen Kolostrum in die Klinik mit

Ist der Blutzucker nicht im Normbereich, werden üblicherweise weitere Kontrollen durchgeführt, und es wird versucht, ihn zu stabilisieren. Dabei kann die perinatal gebildete Vormilch (Kolostrum) eine besondere Rolle spielen.

«Kolostrum stabilisiert den Blutzucker des Kindes dabei besser als jede Pre-Nahrung oder Glukose. Da ist die Natur der Hochleistungsmedizin weit voraus,» sagt Yvonne Gruber-Traxler, Hebamme am Kepler-Universitätsklinikum Linz. 

Yvonne Gruber-Traxler

«Schwangere mit Diabetes können sehr viel dazu beitragen, dass alles gut geht» sagt Yvonne Gruber-Traxler, Hebamme am Kepler-Universitätsklinikum Linz

Immer mehr Ärzte und Hebammen empfehlen daher seit einigen Jahren Schwangeren mit Diabetes, kleine Mengen Kolostrum bereits zur Entbindung mitzubringen (siehe Kasten). Im Spital kann die mitgebrachte Vormilch dann – je nachdem wo es gebraucht wird – im Kreisszimmer, auf der Wochenbett  oder der Neugeborenenstation eingesetzt werden.

Wie das Kolostrum-Sammeln gelingt

  • Das Kolostrum wird ca. ab der 16. Schwangerschaftswoche (SSW) gebildet
  • mit der Entnahme kann ab der 37. SSW begonnen werden.
  • Gewonnen wird das Kolostrum am besten durch sanftes Ausmassieren mit der Hand. Es ist dabei wichtig, dass die Frauen dabei keine Schmerzen haben. Am besten ist eine Einschulung durch eine Hebamme oder Stillberaterin.
  • Die Milch wird in Spritzen mit Fassungsvolumen von 1-2 Millilitern gesammelt (eventuell mit Verschlusskappen) die Lebensmittelstandard aufweisen
  • Mit Kolostrum befüllte Spritzen in einem Plastikbeutel aufbewahren
  • Einzelne Spritzen mit Entnahmedatum und Namenskürzel versehen und einfrieren
  • Das Kolostrum kann entweder direkt nach der Entnahme eingefroren werden, oder davor einige Stunden im Kühlschrank aufbewahrt werden. So kann Vormilch aus mehreren Abnahme-«Durchgängen» am selben Tag vor dem Einfrieren gesammelt werden.
  • Die gefrorenen Spritzen werden, am besten in einer kleinen Kühltasche mit mehreren gefrorenen Kühl-Akkus, ins Spital mitgebracht
  • Aufgetaut wird das gesammelte Kolostrum unter fliessendem warmem Wasser, wo es nach 1–2 Minuten genau die richtige Temperatur hat
  • Das Kolostrum kann dem Kind mittels Spritzen oder speziellen Applikatoren in den Mund getropft werden
  • Bei Problemen bei der Kolostrumgewinnung können Still-Sprechstunden oder ICBLC-zertifizierte Stillberaterinnen unterstützen (hier finden Sie Stillberaterinnen in der Schweiz)

Milchbildung lässt bei Diabetikerinnen oft auf sich warten

Auch über die Zeit des Wochenbetts hinaus hat das Stillen wichtige gesundheitliche Funktionen für Mütter und Kinder (siehe Kasten unten). Bei Müttern mit Diabetes in der Schwangerschaft ist das Stillen aber besonders wichtig: Bereits eine dreimonatige Stillzeit senkt das 15-Jahres-Risiko von Frauen mit GDM, später einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, von 72 auf 42 Prozent. Auch Kindern von Müttern mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Übergewicht oder Diabetes im späteren Leben – dieses ist aber geringer, wenn sie im ersten Lebensjahr gestillt wurden.

«All dem zum trotz belegen Studien aber, dass Frauen mit einem Gestationsdiabetes seltener und kürzer stillen als Frauen ohne Diabetes,» beklagt Frau Gruber-Traxler. Einer der häufigsten Gründe dafür ist ein Übergewicht der Mutter, das ebenfalls eine ungünstige Rolle beim Stillbeginn spielt. Ausserdem tritt die Laktogenese (Milchbildung) bei Müttern mit Diabetes manchmal etwas später ein. «Frauen verlässt dann bei grossen Anfangsschwierigkeiten oft die Motivation.»

Frau Gruber-Traxler empfiehlt Diabetikerinnen daher, schon vor der Geburt eine Stillberatung aufzusuchen. Ihrer Erfahrung nach geben Frauen nicht so schnell auf, wenn sie bereits in der Schwangerschaft den Nutzen des Stillens kennen, und wissen, womit sie zu rechnen haben. «Mit einer guten Stillberatung, Hilfe beim Anlegen des Kindes bzw. beim Pumpen sowie ausreichend Ruhe im Wochenbett und Unterstützung der Mutter beim Versorgen des Kindes lässt sich dann oft trotzdem eine ausreichende Milchproduktion erreichen.»

Betreuung von Schwangeren mit Diabetes hat auch Folgen für die Gesellschaft

«Es ist immer noch Glückssache, wie Frauen mit einem Gestationsdiabetes beraten werden», so die Expertin. «Dabei gibt es natürlich viele Frauen, die sich selbst gut informieren. Es fallen aber auch nach wie vor Schwangere durch den Rost. Wie in vielen Bereichen sind das oft Frauen, die keinen guten Zugang zu Gesundheitsberatung haben, und denen vielleicht auch die Kompetenz fehlt, richtige und falsche Informationen zu unterscheiden.»

Frauen mit Übergewicht oder Adipositas erleben im Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft ausserdem nicht selten statt guter Betreuung eher eine Stigmatisierung durch Ärzte und Pflegepersonen. Für Frau Gruber-Traxler eine verschenkte Gelegenheit, «denn man weiss, dass die Bereitschaft von Frauen, etwas für ihre eigene Gesundheit und die ihres Kindes zu tun, in der Schwangerschaft besonders hoch ist.»

Die Hebamme empfiehlt, Frauen, bei denen ein Schwangerschaftsdiabetes festgestellt worden ist, nicht nur an eine Diabetes-Sprechstunde und zur Ernährungsberatung, sondern auch routinemässig an eine Stillberatung zu überweisen. Idealerweise sollten die Kosten dafür über die Krankenversicherung gedeckt werden. Auch aus sozioökonomischen Gesichtspunkten, denn «fördert man das Stillen, stellt man langfristig viele Weichen in die richtige Richtung. Davon profitiert auch das Gesundheitssystem.»

Vorteile des Stillens

  • Das Risiko von Frauen für Mammakarzinome sinkt pro Kind um sieben Prozent pro Kind, und pro Stilljahr um weitere 4,3 Prozent
  • Auch für Endometrium- und Ovarialkarzinome zeigen einige Studien einen positiven Zusammenhang mit dem Stillen
  • Gestillte Kinder erkranken seltener an Typ-1-Diabetes
  • Gestillte Kinder haben seltener chronische Atemwegserkrankungen oder Allergien
  • Gestillte Kinder leiden seltener an Infekten der unteren Atemwege oder Mittelohrentzündungen
Referenzen
  1. Ryser Rüetschi J et al. Fasting glycaemia to simplify screening for gestational diabetes. BJOG. 2016 Dec;123(13):2219-2222. doi: 10.1111/1471-0528.13857.
  2. Fischer T et al. Maternale Erkrankungen in der Schwangerschaft. Facharztwissen Geburtsmedizin. 2016:347–618. German. doi: 10.1016/B978-3-437-23752-2.00017-1. Epub 2016 Aug 26. PMCID: PMC7158353.
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