Home / Psychiatrie und Psychotherapie / «Doomscrolling» kommt ursprünglich von einem evolutionären Überlebensmechanismus

Digitale Überlastung

«Doomscrolling» kommt ursprünglich von einem evolutionären Überlebensmechanismus

Das sogenannte "Doomscrolling" kann die Psyche schwer belasten.

In einer von wirtschaftlichen Unruhen, Klimawandel, politischen Spannungen und Pandemien geprägten Zeit wirkt es für viele so, als könnten sie über exzessiven Nachrichtenkonsum Kontrolle über das Nicht-Kontrollierbare erlangen. Millionen von Menschen nutzen ihre Smartphones, um sich täglich mehrmals über traumatische Ereignisse zu informieren. Diese hochaktuellen Meldungen bieten wenig Raum zum Verarbeiten und Nachdenken. Experten sagen, dass die Flut traumatischer Nachrichten zu einer kollektiven Taubheit führt. Das „Doomscrolling“, das exzessive Konsumieren negativer Nachrichten im Internet, kann die Psyche schwer belasten.

Im Sprachgebrauch ist das englische Wort «doom» mit dem Bösen assoziiert und beschreibt ein Verderben oder einen Untergang. Unter Scrolling versteht man das Verschieben von Bildschirminhalten. Der Begriff Doomscrolling gewann vor allem während der COVID-19-Pandemie und zu Beginn des russisch-ukrainischen Krieges an Popularität und beschreibt den Zwang, sich mit negativen Nachrichten zu beschäftigen.

Flut traumatischer Nachrichten führt zu Taubheit

Die Newsfeeds sind voll davon: Pandemie, Krieg, Tragödien. Das Lesen dieser Nachrichten beschert uns ein Gefühl der Angst, der Überforderung, der Lähmung, aber auch der Taubheit wie Forscher nun attestieren (1). Aus medizinischer Sicht tritt die klassische Taubheit auf, wenn Nerven geschädigt werden. Dies führt zu einem teilweisen oder vollständigen Verlust der Empfindung. Ähnlich wie die Taubheit durch die Nervenschädigung, kann die digitale Überforderung auch zu psychischer Taubheit führen: Gleichgültigkeit, Mangel an Begeisterung und Apathie sind die Folgen – dies sind unter anderem auch Symptome der Depression oder von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD).

Schlechte Dinge haben grössere und mehr dauerhafte Auswirkungen als gute Dinge

Schlimme Fakten, die mit grossen Emotionen verbunden sind, ziehen Zuschauer an. Negative Ereignisse haben einen grösseren Einfluss auf das Wohlbefinden einer Person als positive Ereignisse. Wissenschaftler nennen dies die «negative Voreingenommenheit» oder Negativitätsbias.

Eine neuere Theorie besagt, dass Doomscrolling das Ergebnis eines evolutionären Mechanismus sein könnte. Der Mensch sei darauf programmiert, Gefahren zu erkennen und sie danach vorauszusehen (2). Vor allem in Krisenzeiten ist Doomscrolling also ein ganz natürliches Verhalten.

Doomscrolling vor allem bei psychisch vorbelasteten Menschen ausgeprägt

In Studien haben Forscher gezeigt, dass regelmässiges doomscrollen die eigene Angst steigert und Menschen depressiver macht – Doomscrolling verstärkt negative Gefühle. Insbesondere bei Menschen, deren Psyche schon belastet ist oder Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, sind die negativen Effekte des Doomscrollings ausgeprägter (3).

Eine weitere Studie fand heraus, dass es keine ideologischen Unterschiede zwischen Doomscrollern gibt – sie sind sowohl links- als auch rechtsgerichtet (4). Dabei zeigte sich auch, dass Männer und junge Menschen sich eher auf das Verhalten einlassen als Frauen und ältere Erwachsene. Es bleibt zudem unklar, ob Doomscrolling Angst verursacht, oder ob vorher bestehende Angst das Doomscrolling begünstigt. Obwohl die Autoren der Studie glauben, dass sie sich gegenseitig nähren, wird die Feststellung von Ursache und Wirkung weiterer Forschung bedürfen.

Strategien gegen Doomscrolling

  • Strategien zur Einschränkung der Nutzung sozialer Medien: Dafür gibt es Apps oder auch Timer auf dem Smartphone, sowie «Safewords», die gezielt Beiträge zu Themen, die Angst machen, aussortieren.
  • Schlafhygiene: Keinen Fernseher, kein Tablet, kein Mobiltelefon im Schlafzimmer. Eine gesunde Schlafhygiene ist wichtig.
  • Limiten festlegen: Bevor man sich in den Newsfeed oder auf die Website begibt, sollte man sich eine fixe Lesezeit setzten.
  • Optimismus wahren: Gezielt positive Internetseiten aufsuchen.
  • Digital Detox: Eine digitale Fastenkur einlegen.
  • Achtsamkeit: Beim Scrollen sollte man darauf achten, welche Gefühle beim Lesen oder Betrachten eines Beitrags entstehen. Dies hilft zu verstehen, welche Informationen welche Emotionen auslösen.
Referenzen

  1. Barnhill J.B. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). MSD Manuals Stand Juli 2018(abgerufen am 15.06.2022).
  2. Blades R. Protecting the brain against bad news. CMAJ. 2021;193(12):E428-E429. doi:10.1503/cmaj.1095928.
  3. Matthew Price et al. Doomscrolling during COVID-19: The negative association between daily social and traditional media consumption and mental health symptoms during the COVID-19 pandemic. Psychol Trauma. 2022 Feb 14. doi: 10.1037/tra0001202.
  4. Sharma B et al. The Dark at the End of the Tunnel: Doomscrolling on Social Media Newsfeeds. Special Collection: Technology in a Time of Social Distancing, 2022. doi:10.1037/tmb0000059.
LOGIN